Startseite Antropus
Menschen. Urmenschen. Hominiden
Forscher. Fossilien. Artefakte
Menübutton

Der Homo habilis war anatomisch gesehen noch ein halber Affe

Der Homo habilis war anatomisch gesehen noch ein halber Affe
Der Turkana Boy und seine Schienbein- und Wadenknochen im Vergleich zu Homo habilis. Sie unterscheiden sich deutlich, so eine neue Studie.
Fotos: Marchi et al. / Cicero Moraes, CC BY-SA 4.0 Lizenz
ZEIG HER DEINE BEINE Die Art und Weise, wie sich Hominiden fortbewegen, hat Einfluss auf die Anatomie der Schienbein- und Wadenbeinknochen. Sie unterscheiden sich in Länge und Dicke. Um herauszufinden, wie Homo erectus und Homo habilis aufrecht gegangen sind, haben italienische und US-amerikanische Forscher zwei Fossilien miteinander verglichen.
Die untersuchten Knochen stammen von einem Homo erectus, der vor 1,5 Millionen Jahren lebte (KNM-WT 15000, auch bekannt als Turkana Boy), und von einem Homo habilis (OH 35), dessen Alter auf 1,8 Millionen Jahre datiert wurde. Als Vergleichsmaterial dienten Beinknochen von modernen Menschen, Schimpansen, Gorillas und Orang-Utans.

Unterschiedlicher Gang, unterschiedliche Knochen

Wie Damiano Marchi von der Universität Pisa und seine Kollegen von der Johns Hopkins Universität im Fachmagazin Journal of Human Evolution berichten, sind die Unterschiede zwischen dem anatomisch modernen Menschen und den heutigen Menschenaffen am größten - was wenig überraschend ist, denn die einen sind exzellente Läufer, während sich die anderen am Erdboden auf allen Vieren fortbewegen und noch gute Kletterer sind.
Zwischen diesen beiden Polen bewegen sich Homo erectus und Homo habilis, so die Forscher. Allerdings mit unterschiedlichen Abweichungen zu Homo sapiens und Menschenaffe.

Homo erectus vs. Homo habilis

Die Beinknochen des 1,5 Millionen Jahre alten Homo erectus unterscheiden sich sowohl vom modernen Menschen als auch vom Menschenaffen, schreiben die Forscher in ihrer Studie. Allerdings sind die Abweichungen unterschiedlich groß.
Die Distanz zum Schimpansen liegt auf einer vorher festgelegten Standard-Skala beim Wert 2, während der Abstand zum modernen Menschen nur 1 beträgt. Das heißt, die evolutionäre Distanz des Homo erectus zum Homo sapiens ist nur halb so groß wie die zum Menschenaffen.
Ein anderes Bild ergab sich bei der Untersuchung der Beinknochen des 1,8 Millionen Jahre alten Homo habilis. Seine Abweichungswerte liegen sowohl zum Menschenaffen als auch zum modernen Menschen bei 1. Das heißt, Homo habilis befindet sich anatomisch gesehen exakt in der Mitte zwischen Menschenaffe und Mensch.

Homo habilis war noch ein Baumkletterer

Damiano Marchi und seine Kollegen kommen zu dem Ergebnis, dass der Homo erectus, dessen Fossilien sie vermessen haben, dem modernen Menschen bereits sehr nahe stand. Er ging aufrecht wie heutige Menschen und könnte schon ein exzellenter Ausdauerläufer gewesen sein.
Der Homo habilis dagegen, der nur 300.000 Jahre früher lebte, besaß deutlich robustere Beinknochen, deren Anatomie etwa in der Mitte zwischen Mensch und Menschenaffe anzusiedeln ist. Die Forscher vermuten daher, dass der Homo habilis zwar aufrecht gehen konnte, aber auch noch viel Zeit auf Bäumen verbracht hat.

Wahrscheinlich kein Vorfahre des Menschen

Die Ergebnisse der neuen Studie rütteln an der Theorie, dass der Homo habilis (nomen est omen) bereits ein Frühmensch war. Er stand den Menschenaffen noch deutlich näher, als man bislang dachte. Auch die Hypothese, dass der Homo habilis zu den direkten Vorfahren des Menschen gehörte, verliert an Plausibilität, denn 300.000 Jahre sind evolutionär betrachtet ein sehr kurzer Zeitraum, um vom Baumkletterer zum Ausdauerläufer zu werden.
Sollten Damiano Marchi und seine Kollegen richtig gerechnet haben, dann gehörte der Homo habilis nicht zu jener Line, aus der sich der Mensch entwickelte. Es scheint sich um einen noch sehr ursprünglichen Hominiden gehandelt zu haben, der parallel zu Homo erectus existierte und irgendwann ausstarb.

Ungeklärte Abstammung des Menschen

Die neue Studie spielt natürlich jenen Paläoanthropologen in die Karten, die glauben, dass der Homo habilis gar kein Frühmensch, sondern ein später Australopithecus war - also ein "Kollege" des in Südafrika entdeckten Australopithecus sediba. Daher wollen sie die Gattungsbezeichnung Homo streichen und durch Australopithecus ersetzen - Australopithecus habilis.
Sollte das stimmen, dann stellt sich natürlich die Frage: Von welchem Hominini stammt der Homo erectus ab? Auf welchem Ast der Evolution hat sich der erste Mensch entwickelt?
Der einzige Kandidat, der noch fossil überliefert ist, wäre der Homo rudolfensis. Er lebte vor 2,5 bis 1,9 Millionen Jahren in Ostafrika. Doch den Homo rudolfensis plagen die die gleichen Sorgen wie den Homo habilis. Es gibt viele Forscher, die ihm den Status als Frühmensch absprechen möchten und ihn als Australopithecus einordnen.
Fazit: Zurzeit gibt es kein Hominiden-Fossil, das als direkter Vorfahre des Homo erectus wirklich überzeugt. Im Stammbaum des Menschen klafft eine rätselhafte Lücke.
Funkenzauber: Tools aus Kristallquarz dienten übersinnlichen Ritualen
Dieser 15.600 Jahre alte Fußabdruck aus Chile wirft viele Fragen auf
Button Über Charles Darwin und die Evolutionstheorie
Button Wie funktioniert eigentlich Evolution?
Button Fossilien sind seltener als Diamanten
Button Menschen und Hominiden nach Gattung und Art
PALÄO UPDATE
Forscher finden keine Hobbit-Gene im Erbgut heutiger Flores-Pygmäen

EVOLUTION & MEINUNG

Der Mensch ist der Joker im Glücksspiel Evolution.
Manfred Poisel

Diese Beiträge könnten Sie ebenfalls interessieren

Lucy & Co. sind nicht durch Klimawandel entstanden
PALÄO NEWS
Die Hälfte des Wassers auf der Erde stammt von erdnahen Asteroiden
Forscher entdecken erste Schädel-Teile eines Denisova-Menschen
Schneller Klimawechsel machte die Neandertaler zu Kannibalen
Übersicht: Alle neuen Beiträge in chronologischer Reihenfolge »