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Der Mensch bleibt ein Hominide, ist jetzt aber auch ein Hominini

Der Mensch bleibt ein Hominide, ist jetzt aber auch ein Hominini
Orang-Utan, Schimpanse, Mensch. Der Orang-Utan ist jetzt der einzige Pongoide. Schimpanse und Mensch sind Hominiden. Außerdem ist der Mensch ein Hominini. Alles klar?
Symbolbild
STAMMBAUM GEFÄLLT Bis vor etwa zehn Jahren bezeichnete man den Menschen und seine ausgestorbenen Vorfahren als Hominiden (Hominidae) und die heutigen Orang-Utans, Gorillas und Schimpansen als Pongoiden (Pongidae). Beide zusammen bildeten die Gruppe der großen Menschenaffen.
Dann ergaben Gen-Analysen, dass Gorilla und Schimpanse wahrscheinlich enger mit dem Menschen verwandt sind als mit dem Orang-Utan. Also entschied man sich - nach einigen kontroversen Diskussion - den Stammbaum umzugestalten. Und das sorgt für eine verwirrende Terminologie.

Gewöhnungsbedürftiger Stammbaum

Heute sind Mensch, Gorilla und Schimpanse Hominiden (Homininae) und die Orang-Utans Pongoiden (Ponginae). Und um den Menschen und seine Vorfahren von Gorilla und Schimpanse abzugrenzen, wurde die neue Untergruppe der Hominini eingeführt.
Schaut man sich das mal auf dem Reißbrett an, dann ist der Orang-Utan jetzt nur noch ein entfernter Verwandter von Mensch, Gorilla und Schimpanse. Und letztere drei stehen - zumindest taxonomisch gesehen - auf einer Stufe. Die Hominiden bestehen heute aus den drei Triben Gorilla (Gorillini), Schimpanse (Pannini) und Mensch (Hominini) - inklusive all ihrer ausgestorbenen Vorfahren.

Anatomisch durchaus umstritten

Ob sich die Paläoanthropologen mit dieser neuen Systematik einen Gefallen getan haben, wird nach wie vor kontrovers diskutiert. Schließlich meint der Begriff Hominiden in älteren Studien und Publikationen jetzt etwas ganz anderes als in heutigen wissenschaftlichen Arbeiten. Und die Presse nutzt Hominide und Hominini häufig noch wahllos und inhaltsgleich. Laien blicken da kaum noch durch.
Ob die neue Systematik tatsächlich dem aktuellen Stand der Forschung entspricht, ist umstritten. Genetisch gesehen mag es Sinn machen, Gorilla, Schimpanse und Mensch deutlich vom Orang-Utan abzugrenzen, doch anatomisch sieht die Sache anders aus. Es gibt nämlich Studien, die zu dem Ergebnis kommen, dass Mensch und Orang-Utan deutlich enger miteinander verwandt sind, als es die neue Systematik vermuten lässt.
Jeffrey Schwartz von der Universität Pittsburgh und John Grehan vom Buffalo Museum of Science sind zum Beispiel der Meinung, dass DNA-Analysen nur wenig über das Verwandtschaftsverhältnis von Mensch und Orang-Utan aussagen. Anatomisch gesehen haben Mensch und Orang-Utan deutlich mehr Gemeinsamkeiten als Mensch und Schimpanse, so die beiden Forscher.

Fossilien vs. DNA

Damit wären wir beim Kern des Problems. DNA-Analysen und anatomische Studien kommen in den letzten Jahren immer häufiger zu unterschiedlichen Ergebnissen. So sagen die Genetiker, dass der moderne Mensch vor etwa 200.000 Jahren entstanden ist. Doch eine im Jahr 2017 veröffentlichte Studie präsentiert uns plötzlich 300.000 Jahre alte Fossilien, die bereits vom Homo sapiens stammen sollen. Und keiner weiß, wer recht hat.
Den Stammbaum des Menschen und seiner nahen Verwandten nur aufgrund einiger Gen-Studien komplett umzukrempeln, war möglicherweise unbedacht und voreilig. Schließlich ist umstritten, wie zuverlässig und aussagekräftig DNA-Analysen sind.
Es gibt inzwischen rund 20 Gen-Studien, die untersucht haben, wer die Vorfahren der heutigen Europäer waren. Und fast alle kommen zu anderen Ergebnissen. Ein Mathematiker würde Haarausfall bekommen, wenn die einfache Rechenaufgabe 5 + 4 einmal 8 ergäbe, ein anderes mal 9 und ein weiteres mal 11. Doch in der Genetik ist das möglich.

Hominiden sind jetzt Hominini

Nichtsdestotrotz müssen wir mit der neuen Systematik leben. Die Orang-Utans sind jetzt Pongoiden. Gorilla, Schimpanse und Mensch die neuen Hominiden. Und der Mensch und seine ausgestorbenen Vorfahren bilden die Untergruppe der Hominini.
Falls sie also in älteren Büchern und Studien über den Begriff HOMINIDE stolpern, dann sollten sie ihn schnell durchstreichen und durch HOMININI ersetzen. In neuen Studien können sie alles so lassen, wie es ist - jedenfalls bis zur nächsten Reform des menschlichen Stammbaums.
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Steve Jones

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