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Homo rudolfensis: Der Grenzgänger zwischen Affe und Mensch

Homo rudolfensis: Der Grenzgänger zwischen Affe und Mensch
Rekonstruktion eines Homo rudolfensis. War er der erste Mensch? Oder nur ein später Australopithecus mit einem ungewöhnlich großen Gehirn?
Foto: Daderot, Wikimedia, CC0
FOSSILES RATESPIEL Vor 4,2 bis 2,0 Millionen Jahren liefen in Afrika aufrecht gehende Menschenaffen herum. Man bezeichnet sie als Australopithecinen. Und einer von ihnen wurde zum Menschen. Welche Art das war, ist unklar. Fest steht nur: Vor etwa 2,5 Millionen Jahren tauchte das erste menschliche Wesen auf. Man nennt es Homo rudolfensis.
Das markanteste Merkmal, das den Homo rudolfensis von seinen affigen Vorfahren unterschied, war sein Gehirn. Es war mit einem Volumen von 750 ccm fast doppelt so groß wie das eines Australopithecus. Trotzdem gibt es bis heute Forscher, die dem Homo rudolfensis seinen Status als Mensch absprechen und ihn als späten Australopithecus einordnen.

Flaches Gesicht und keine Überaugenwulst

Im Jahr 1972 machten der Paläoanthropologe Richard Leakey und sein Assistent Bernard Ngeneo einen spektakulären Fund. In Kenia fanden sie den Schädel eines Hominiden, der sich deutlich von allem Unterschied, was man bis dato ausgegraben hatte.
Das Fossil besaß ein langes flaches Gesicht, keine Überaugenwulst und hatte ein erstaunlich großes Gehirn. Der Fund passte weder zu einem Australopithecus noch zu dem bereits 1960 entdeckten Homo habilis und war auch kein Homo erectus. "Gattung Homo", konstatierten die Forscher. Aber was für eine Art?
Eine erste Datierung ergab, dass das Fossil aus der Zeit vor 2,5 Millionen Jahren stammte. Also just aus der Zeit, als der erste Mensch entstanden sein musste. Hatte man den Urmenschen gefunden? Doch spätere Altersbestimmungen zeigten, dass das Fossil nur 1,9 Millionen Jahre alt war. Und zu diesem Zeitpunkt gab es bereits den Homo erectus.

Erster Frühmensch vor 2,5 Millionen Jahren

Lange war unklar, ob es sich beim Fossil aus Kenia um eine bislang unbekannte Menschenart handelte oder um ein einzelnes Individuum mit ungewöhnlichen Merkmalen. Doch dann folgten weitere Fossilfunde aus Äthiopien und Malawi, die deutlich machten, dass damals mehrere Hominiden mit dieser Anatomie gelebt hatten.
Als der deutsche Paläoanthropologe Friedemann Schrenk im Jahr 1991 einen weiteren Unterkiefer fand, auf den die Merkmale des Homo rudolfensis passten und der auf ein Alter von 2,5 Millionen Jahre datiert wurde, mussten auch die Zweifler einräumen, dass in der Zeit vor 2,5 bis 1,9 Millionen Jahren in Ostafrika Hominiden gelebt hatten, die möglicherweise nicht mehr zur Gattung Australopithecus gehörten, sondern bereits menschlich waren.

Werkzeuggebrauch nicht eindeutig erwiesen

Entstand der Mensch vor 2,5 Millionen Jahren? War der Homo rudolfensis der erste Mensch? Die Forscher sind sich da nicht einig. Einige Experten glauben, dass der Homo rudolfensis noch ein Australopithecus war - also ein aufrecht gehender Affe. Andere sind sich sicher: Ja, das war bereits ein Mensch - ein Frühmensch.
Für die Frühmenschen-Theorie spricht nicht nur das große Gehirn, sondern auch die Tatsache, dass die ältesten Steinwerkzeuge, die man in Ostafrika gefunden hat, 2,6 Millionen Jahre alt sind. Sie stammen also ziemlich exakt aus jener Zeit, als der Homo rudolfensis auftauchte. Allerdings konnte man bislang nicht zweifelsfrei nachweisen, dass es der Homo rudolfensis war, der sie hergestellt und genutzt hat.

Unterkiefer und Zähne eines Vorfahren

Ungeklärt ist auch die evolutionsbiologische Entwicklungslinie, die den Homo rudolfensis hervorbrachte. Stammt er in direkter Linie von einem Australopithecus ab? Möglicherweise von der berühmten Lucy? Oder gab es Mosaik- und Übergangsformen, von denen man noch keine Fossilien gefunden hat?
Dummerweise gibt es aus der Zeit vor 3,0 bis 2,5 Millionen Jahren so gut wie keine menschlichen Fossilien. Da klafft eine rätselhafte Lücke im Fossilbestand. Einzige Ausnahme ist ein 2,8 Millionen Jahre alter Unterkiefer mit fünf Zähnen, den US-Forscher in Äthiopien gefunden haben. Die Entdecker Brian Villmoare und William Kimbel glauben, dass dieser Unterkiefer von einem menschenähnlichen Wesen stammt. Handelte es sich um einen Vorfahren von Homo rudolfensis?

Menschenform mit Präfix

Vor etwa 1,9 Millionen Jahren verliert sich die Spur des Homo rudolfensis. Man hat keinerlei Fossilien gefunden, die jünger sind. Dafür gibt es nur zwei mögliche Erklärungen. Entweder, der Homo rudolfensis ist ausgestorben, oder er hat sich zum Homo erectus weiterentwickelt, der sich damals in Afrika ausbreitete.
In den meisten wissenschaftlichen Stammbäumen taucht der Homo rudolfensis (2,5 - 1,9 Mio Jahre) zusammen mit dem Homo habilis (2,1 - 1,5 Mio) als "Frühmensch" auf. Und das Präfix "Früh" wird dabei meist als kleines Fragezeichen eingesetzt. Man könnte auch schreiben: Leute, wir wissen nicht so genau, ob das wirklich schon Menschen waren.
Definitiv ein Mensch war der Homo erectus, der vor etwa 1,9 Millionen Jahren die Bühne des Lebens betrat. Zeitlich würde das also passen. Der Homo rudolfensis "mutierte" zum Homo erectus. Allerdings unterscheiden sich die Fossilien von Homo rudolfensis und Homo erectus ganz erheblich. Und so fällt es den meisten Paläoanthropologen schwer, im Homo rudolfensis einen unmittelbaren Vorfahren des Homo erectus zu sehen.
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EVOLUTION & MEINUNG

Es muß eine unvorstellbare grosse Zahl von Übergangsstufen zwischen allen lebenden und ausgestorbenen Arten gegeben haben. Von ihnen fehlt fast jede Spur. Wo sind sie geblieben?
Steve Jones

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