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Viele Höhlenmaler der Eiszeit hatten verkrüppelte kurze Finger

Viele Höhlenmaler der Eiszeit hatten verkrüppelte kurze Finger
Eine Höhlenmalerei mit Handabdrücken aus der Eiszeit. Die letzten drei Finger der linken Hand sind rätselhaft kurz. Eine optische Illusion? Oder fehlen da wirklich die Fingerkuppen?
Foto: © Jean Clottes
AMPUTATIONS-KULT Die europäische Höhlenmalerei aus der Zeit vor 29.000 bis 24.000 Jahren ist relativ gut erforscht. Ein ungelöstes Rätsel sind aber nach wie vor die zahlreichen Handabdrücke mit stark verkürzten Fingern, die man in einigen Höhlen gefunden hat. Seit Jahrzehnten diskutieren die Forscher darüber, was sie zu bedeuten haben.
Archäologie-Professor Mark Collard von der kanadischen Fraser Universität und seine Kollegen Brea McCauley und David Maxwell haben sich auf eine ethnographische Spurensuche begeben, um das Rätsel zu lösen, und präsentieren im Fachmagazin "Journal of Paleolithic Archaeology" überraschende Ergebnisse.

200 Handabdrücke mir stark verkürzten Fingern

In europäischen Höhlen hat man rund 200 Handabdrücke gefunden, bei denen es so aussieht, als würden einzelne oder mehrere vordere Fingerglieder fehlen. Einige Forscher glauben, dass die Höhlenkünstler der Steinzeit bewusst ihre Finger abgewinkelt haben, weil es sich um eine Zeichensprache oder um persönliche Signaturen handelte. Doch Collard und sein Team kommen zu einem ganz anderen Ergebnis.
"Es mag vielleicht schockierend klingen, aber diesen Menschen fehlten tatsächlich die vorderen Fingerglieder", sagen die Forscher. Und sie glauben auch herausgefunden zu haben, woran das lag. Sie wurden ihnen abgeschlagen oder amputiert.

Spurensuche in alten Büchern und Expeditionsberichten

Um ihre Theorie zu belegen, haben die kanadischen Forscher alte Lehrbücher, ethnographische Reiseberichte und Expeditionsarchive durchforstet und nach ursprünglichen Kulturen gesucht, in denen Fingeramputationen aus rituellen oder anderen Gründen üblich waren. Und zu ihrem Erstaunen sind sie auf 121 Jäger- und Sammler-Gesellschaften in Afrika, Asien, Amerika und Ozeanien gestoßen, bei denen es gebräuchlich war, die vorderen Fingerglieder abzutrennen.
Diese Menschen haben Fingerglieder aus den unterschiedlichsten Gründen entfernt, sagen die Forscher. Einige hatten religiöse Motive, bei anderen diente die Amputation der Stärkung der Gruppenzugehörigkeit, wieder andere taten das als Strafe für Verbrechen oder als Bestandteil einer Hochzeitszeremonie.

Die stark verkürzten Finger sind kein Fake

Collard, McCauley und Maxwell kommen in ihrer interdisziplinären Studie zu dem Ergebnis, dass die verkürzten Finger auf den Eiszeit-Wandbildern kein "Fake" sind, sondern dass diesen Menschen tatsächlich die vorderen Gliedmaßen fehlten.
Bestätigt fühlen sie sich durch eine ältere Studie, die zu dem Ergebnis kommt, dass die verkürzten Finger auf den Wandmalereien scharfe Ränder haben und nicht verwaschen sind, wie es beim Abwinkeln der Fingerspitzen der Fall sein müsste.
Außerdem haben Archäologen in Polen die Überreste eines frühen modernen Menschen gefunden, dem tatsächlich die vorderen Fingerglieder fehlten. Auch das würde passen.

Oder handelte es sich um Erfrierungen?

Vieles deutet also darauf hin, dass einigen Höhlenmalern der Eiszeit tatsächlich die vorderen Fingerglieder fehlten. Sie wurden ihnen aus rituellen Gründen (Fruchtbarkeitsritus, Hochzeit), als Erkennungszeichen (Stammeszugehörigkeit) oder zur Bestrafung abgetrennt. Das geschah entweder mit einem gezielten Hieb oder durch Abbeißen, sagen Mark Collard und sein Team. Für beides haben sie schriftliche Belege gefunden.
Fairerweise muss man hinzufügen, dass es noch eine zweite Amputations-Theorie gibt. Und die klingt ebenfalls plausibel. Sie lautet: Weil es in der Eiszeit so schrecklich kalt war, litten viele frühe moderne Menschen unter Erfrierungen. Und wenn es sich um Erfrierungen dritten oder vierten Grades handelte, dann half nur noch eine Amputation. Die vorderen Fingerglieder der Höhlenmaler könnten also aus medizinischen Gründen entfernt worden sein.
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EVOLUTION & MEINUNG

Es wäre eine Illusion, anzunehmen, dass das, was wir zurzeit wissen, mehr ist als ein winziger Bruchteil der gesamten biologischen Realität.
Michael Denton

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