Startseite Antropus
Menschen. Urmenschen. Hominiden
Forscher. Fossilien. Artefakte
Menübutton

Urin-Salze im Boden verraten, wann die erste Tierhaltung entstand

Urin-Salze im Boden verraten, wann die erste Tierhaltung entstand
US-Forscher nehmen Bodenproben, um nach Salzen aus tierischem Urin zu suchen. Denn diese Salze verraten, wann die Tierhaltung begann und wie sie sich entwickelte.
Foto: © Günes Duru
NEOLITHISCHES PIPI Vor ungefähr 12.000 Jahren wurden die ersten Menschen sesshaft und begannen Nutztiere zu halten. Doch wann genau das in welcher Region geschah und wie lange es dauerte, bis sich die neue Lebensweise durchgesetzt hatte, ist bis heute unklar.
Ein internationales Forscherteam hat ein neues Verfahren entwickelt, um herauszufinden, wann die ersten Nutztiere gehalten wurden und wie sich die Nutztierhaltung in den darauffolgenden Jahrhunderten entwickelte. Die Wissenschaftler haben die Salze, die tierisches Urin im Erdboden hinterlässt, gemessen und daraus abgeleitet, wann die ersten Nutztiere aufgetaucht sind und wie ihre Zahl im Laufe der Zeit anstieg.

Wenn Tiere urinieren, hinterlassen sie Salze

Für ihre Studie haben sich Studienleiter Jordan Abell von der amerikanischen Columbia Universität und seine Kollegen die jungsteinzeitliche Stadt Catalhöyük in der heutigen Türkei ausgesucht. Die Forscher haben 113 Bodenproben aus den unterschiedlich alten Sedimentschichten der Stadt genommen und nach Salzen gesucht, die im Urin von Schafen und Ziegen enthalten sind.
"Es ist ziemlich schwierig, die Entwicklung der Tierhaltung allein durch Fossilien und fossilen Dung zu erklären. Also haben wir uns gedacht: Alle Lebewesen müssen urinieren, und wenn sie urinieren, dann hinterlassen sie typische Salze", erklärt Jordan Abell. "Und an einem so trockenen Ort wie diesem hier gehen wir davon aus, dass die Salze nicht ausgewaschen oder umverteilt wurden."

Schnelle Entwicklung der Tierhaltung

In den Sedimentschichten aus der Zeit, bevor Catalhöyük erbaut wurde, war der Salzgehalt des Bodens sehr niedrig, schreiben die Forscher in ihrer Studie. Das änderte sich vor etwa 10.400 Jahren. Der Anteil der Urinsalze stieg langsam aber stetig an. Doch richtig hoch wurde er erst in der Zeit vor 10.000 bis 9.700 Jahren. Plötzlich war der Salzgehalt 1.000 mal höher als in den Jahrhunderten davor.
Die Forscher kommen zu dem Ergebnis, dass die Domestizierung und Nutzhaltung von Schafen und Ziegen, die für Catalhöyük fossil belegt sind, vor etwa 10.400 Jahren begann und nur wenige Jahrhunderte brauchte, um zu einem elementaren Bestandteil der Ernährung zu werden.
Obwohl die Datierung in etwa dem entspricht, was die Forscher erwartet hatten, ist das Tempo, mit dem sich dieser Prozess vollzog, eine kleine Überraschung. Es dauerte nicht Jahrtausende, bis sich die neue Lebensweise etabliert hatte, sondern nur wenige Jahrhunderte. "Das ist eine ziemlich schnelle Veränderung", so Jordan Abell.

Keine exklusive Erfindung des Fruchtbaren Halbmonds

Die Datierungen der neuen Studie lassen außerdem vermuten, dass die Menschen von Catalhöyük deutlich früher damit begannen, Schafe und Ziegen zu halten, als man bislang dachte. Und dies wirft nach Ansicht der Forscher ein neues Licht auf die Verbreitung von Viehzucht im vorderen Orient.
"Bislang geht man davon aus, dass Landwirtschaft und Viehzucht im Fruchtbaren Halbmond (Irak, Syrien, Libanon, Israel, Jordanien) entstanden sind und sich von dort aus verbreitet haben. Doch es gibt immer mehr Hinweise, einschließlich unserer neuen Studie, die zeigen, dass der Übergang zu neolithischen Lebensweisen gleichzeitig und in einem viel größeren Bereich stattfand", schreiben die Forscher in ihrer Studie.
Mary Stiner, Anthropologin an der Universität Arizona und Co-Autorin der Untersuchung: "Vielleicht finden wir ähnliche Trends auch in anderen archäologischen Fundstätten des Mittleren Ostens aus dieser Zeit. Es ist aber genauso gut möglich, dass sich die Viehhaltung nur in wenigen langlebigen Communities durchgesetzt hat."

Catalhöyük hatte wohl nur 1.500 Einwohner

Catalhöyük im anatolischen Teil der Türkei gehört zu den ältesten menschlichen Siedlungen, die man bislang entdeckt hat. Ihre Blütezeit hatte die Stadt vor etwa 9.000 Jahren. Anfangs scheinen die Bewohner zwar Landwirtschaft betrieben, aber ihren Fleischbedarf noch durch Jagd gedeckt zu haben. Erst später haben sie damit begonnen, Schafe und zu Ziegen zu halten.
Wieviele Menschen in Catalhöyük gelebt haben, ist nicht so ganz klar. Als in den 60er Jahren die ersten archäologischen Überreste freigelegt wurden, ging man von etwa 10.000 Bewohnern aus. Diese Zahl wurde inzwischen auf 2.500 nach unten korrigiert. Jordan Abell und sein Team gehen aufgrund ihrer Untersuchungen sogar von nur 1.500 Bewohnern aus. Denn auch Menschen müssen ab und zu pinkeln und hinterlassen dabei typische Salze.
Wie der Mensch den Klimawandel in Südamerika überlebte
Dieser 15.600 Jahre alte Fußabdruck aus Chile wirft viele Fragen auf
Button Über Charles Darwin und die Evolutionstheorie
Button Wie funktioniert eigentlich Evolution?
Button Fossilien sind seltener als Diamanten
Button Menschen und Hominiden nach Gattung und Art
PALÄO UPDATE
Archäologen-Team entdeckt erste figürliche Kunst auf dem Balkan

EVOLUTION & MEINUNG

Ein Experte ist ein Mann, der hinterher genau sagen kann, warum seine Prognose nicht gestimmt hat.
Winston Churchill

Diese Beiträge könnten Sie ebenfalls interessieren

Lucy & Co. sind nicht durch Klimawandel entstanden
PALÄO NEWS
Falsches Bernstein. Schon vor 5.000 Jahren gab es dreiste Betrüger
Starb der Homo floresiensis aus, weil er keine Wälder mochte?
Zwei Urmenschen. Doch wer war der Vorfahre des Neandertalers?
Übersicht: Alle neuen Beiträge in chronologischer Reihenfolge »