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Spanische Kannibalen, die aus einem Schädel-Becher getrunken haben

Spanische Kannibalen, die aus einem Schädel-Becher getrunken haben
Das menschliche Schädeldach aus der spanischen Höhle El Toro. Es wurde bearbeitet und diente als Trinkgefäß, sagen britische und spanische Archäologen.
Foto: © Jonathan Santana / Durham University
PROST KALOTTE! Im frühen Neolithikum, also vor etwa 8000 Jahren, haben in Spanien moderne Menschen gelebt, die ganz gerne mal ihre Artgenossen in ihre Einzelteile zerlegt, verspeist und aus ihren Schädeldächern (Kalotten) Trinkbecher hergestellt haben. Das belegen Fossilfunde aus der Höhle El Toro in der Nähe von Malaga.
Unklar ist allerdings, warum sie das taten. Handelte es sich um Hungerkannibalismus? Hat man Feinde verspeist? Oder ging es um ein Bestattungsritual? Jonathan Santana von der britischen Durham Universität und seine spanischen Kollegen von den Universitäten Cantabria und La Laguna sind sich da nicht ganz sicher.

Ein Schädel, der als Trinkbecher diente

Das britisch-spanische Forscherteam hat in der El Toro Höhle die Überreste von sieben Menschen gefunden (vier Erwachsene und drei Kinder), von denen einige Kannibalismus-Spuren aufweisen und andere nicht. Doch in allen Fällen scheinen die Knochen achtlos weggeworfen worden zu sein. Sie lagen zwischen dem "Hausmüll" in der Höhle herum.
Als besonders interessant entpuppte sich ein menschlicher Schädel, der offenbar in mehreren Arbeitsgängen gehäutet, bearbeitet und ausgekocht worden war, um ihn als Trinkbecher zu benutzen - eine Praxis, die man auch aus anderen spanischen Höhlen dieser Zeit kennt.

Deutliche Spuren von Kannibalismus

Vieles deutet auf Kannibalismus hin, schreiben die Forscher in ihrer Studie, die im American Journal of Physical Anthropology veröffentlicht wurde. Diese Menschen wurden kurz nach ihrem Tod "geschlachtet" und wahrscheinlich gegessen. Das belegen Schnitt- und Bissspuren, die man auf einigen Knochen gefunden hat.
Santana und seine Kollegen vermuten, dass es sich um eine Mahlzeit handelte, die nach einem festen Ritual durchgeführt wurde. Und sie glauben, dass der zu einem Trinkbecher umfunktionierte Schädel dabei eine wichtige Rolle spielte (dazu unten eine Hypothese).

Mehrstufiges Bestattungsritual

Völlig unklar ist zurzeit, warum es damals diesen Kannibalismus gab. Da die Forscher keinerlei Hinweise auf eine Hungersnot oder eine gewalttätige Auseinandersetzung gefunden haben, nehmen sie an, dass es sich um ein mehrstufiges Bestattungsritual handelte. Allerdings räumen sie ein, dass eine Interpretation der Funde sehr schwierig ist.
In ihrer Studie schreiben Jonathan Santana und seine Kollegen: "Ähnliche Hinweise hat man auch in anderen neolithischen Fundstätten der Region gemacht. Sie deuten darauf hin, dass Kannibalismus und Schädel-Becher in diesen Gemeinschaften weit verbreitet waren. Möglicherweise hängen diese Praktiken mit signifikanten Veränderungen zusammen, die es am Ende des frühen Neolithikums im Süden der Iberischen Halbinsel gab."

Ein Schädel voller Wein und flotte Trinksprüche

Dass menschliche Schädel zu "Skull Cups", wie die Forscher sie nennen, umgearbeitet wurden, gehört offenbar zu den skurrilen Errungenschaften des Menschen in der späten Mittelsteinzeit. Der älteste Trinkschädel, den man gefunden hat, ist 14.700 Jahre alt und stammt aus der englischen Höhle Gough's Cave. Aber auch die Kelten nutzten die Schädel ihrer Feinde noch im 3. Jahrhundert vor Christus, um daraus Trinkgefäße herzustellen.
Der Ursprung dieser makabren Tradition ist unklar. Einige Forscher vermuten, dass die ersten Schädelgefäße mit Nomadenvölkern aus den Steppen Zentralasiens nach Europa und Ostasien gelangt sind. Aber eindeutige Belege gibt es dafür nicht.
Der englische Dichter Lord Byron soll noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts einen Schädel, den sein Gärtner im Schlosspark gefunden hatte, als Weinbecher genutzt haben. Bei Trinkgelagen machte der Schädel die Runde und jeder, der ihn in die Hand nahm, machte einen flotten Trinkspruch. Das berichtet zumindest Byron's Zeitgenosse Thomas Medwin. Vielleicht war es im frühen Neolithikum in Südspanien ganz ähnlich.
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