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Sahelanthropus, Orrorin und Ardi sind ein Fall für die Mottenkiste

Sahelanthropus, Orrorin und Ardi sind ein Fall für die Mottenkiste
War der Sahelanthropus ein Vorfahre des Menschen oder bloß irgendein Affe? Die gleiche Frage stellt sich bei Orrorin tugenensis und Ardipithecus ramidus.
Foto: © MPFT
AUFHEBEN ODER ENTSORGEN? Die berühmte Lucy, ein Australopithecus afarensis, der vor 3,2 Millionen in Ostafrika lebte, gilt als Vormensch. Sie war ein aufrecht gehender Hominini, der schon viele menschliche Merkmale besaß und mit ziemlicher Sicherheit in die Ahnengalerie der Gattung Homo gehört. Doch was ist mit den älteren Funden? Mit Sahelanthropus, Orrorin und Ardipithecus? Waren das ebenfalls Vorfahren des Menschen?
Die Forscher sind sich da nicht sicher. Obwohl alle drei Gattungen regelmäßig in publizierten menschlichen Stammbäumen auftauchen (auch bei Antropus), wird seit zwanzig Jahren kontrovers darüber diskutiert, ob sie wirklich schon aufrecht gingen und falls ja, ob einige menschenähnliche Merkmale bereits ausreichen, sie als Vorfahren des Urmenschen Homo erectus zu deklarieren.

Vorfahre oder konvergente Evolution?

Der Sahelanthropus lebte vor 7 Millionen Jahren, der Orrorin vor 6 Millionen Jahren und der Ardipithecus vor etwa 5 Millionen Jahren. Einiges deutet darauf hin, dass sie bereits aufrecht gingen. Aber reicht das aus, sie zu Vorfahren des Menschen zu machen?
Vor einigen Jahren kritisierten die beiden Paläoanthropologen Bernard Wood und Terry Harrison in einem Fachbeitrag, dass man Sahelanthropus, Orrorin und Ardipithecus wahrscheinlich "etwas voreilig" zu Hominini erklärt hat. Allein die Tatsache, dass ihre Fossilien einige menschenähnliche Merkmale aufweisen (verkleinerte Eckzähne, Position des Hinterhauptlochs, Fehlen des Diastemas), beweist nach Ansicht der Forscher noch lange nicht, dass sie wirklich in den Stammbaum des Menschen gehören.
Solche Merkmale findet man auch bei einigen ausgestorbenen Menschenaffen, argumentieren Wood und Harrison. Zum Beispiel beim 9 Millionen Jahre alten Oreopithecus oder beim Ramapithecus, der vor 14 bis 8 Millionen Jahren lebte. Es könnte sich um konvergente Evolution handeln - also um Parallelevolution wie bei den Flossen von Fischen und Walen, die nicht miteinander verwandt sind.

Charles Darwin und der Parallelismus

Es gibt zahlreiche Belege dafür, dass sich die Evolution immer wieder selbst kopiert, wenn es ein Lebensraum erforderlich macht. Pterosaurier und Fledermäuse haben sehr ähnliche Flügel, obwohl sie nicht miteinander verwandt sind. Auch der Wolf und der Beutelwolf sowie die Säbelzahnkatze und der Thylacosmilus haben sehr ähnliche anatomische Baupläne entwickelt, obwohl es sich bei den einen um Säugetiere und bei den anderen um Beuteltiere handelt.
Schon Charles Darwin wusste, dass es Parallel-Evolution gibt. Bei seinen Forschungsreisen ist er immer wieder auf sehr ähnliche Arten gestoßen, die nicht miteinander verwandt waren und tausende Kilometer voneinander entfernt lebten. Darwin nannte das Parallelismus.

Fossilien vs. Genetik

Gegen die Theorie, dass Sahelanthropus, Orrorin und Ardipithecus bereits Hominini waren, sprechen auch mehrere genetische Studien. Sie kommen zu dem Ergebnis, dass der letzte gemeinsame Vorfahre von Mensch und Schimpanse vor etwa 5 Millionen Jahren gelebt hat. Sollte das stimmen, dann wären Sahelanthropus, Orrorin und Ardipithecus definitiv aus dem Rennen.
Nimmt man all diese Fakten zusammen, dann muss der erste aufrecht gehende Hominini vor etwa 4 Millionen Jahren entstanden sein. Und aus dieser Zeit kennen wir nur eine Art - den Australopithecus anamensis. Und der entwickelte sich vor 3,8 Millionen Jahren zum Australopithecus afarensis weiter, also zur berühmten Lucy.

Theorien sind wie alte Kleider

Vieles deutet inzwischen darauf hin, dass die Entwicklung zum Menschen nicht vor 7 Millionen Jahren begann, sondern erst vor 4 Millionen Jahren. Und es wird Zeit, dass sich die Paläoanthropologen diesem Problem stellen.
Der Stammbaum des Menschen muss gründlich überarbeitet werden. Sahelanthropus, Orrorin und Ardipithecus gehören auf einen anderen Ast - auf den für Menschenaffen. Dann würde endlich auch die leidige Diskussion um hominini-ähnliche Fossilien aus Südosteuropa aufhören (Graecopihecus).
Doch mit wissenschaftlichen Theorien verhält es sich leider wie mit liebgewonnener Kleidung: Sie hängt oft noch jahrelang im Schrank, obwohl man genau weiß, dass sie nicht mehr passt.
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EVOLUTION & MEINUNG

Gott hat den Menschen erschaffen, weil er vom Affen enttäuscht war. Danach hat er auf weitere Experimente verzichtet.
Mark Twain

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