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Vielleicht haben die Neandertaler gar nicht in dunklen Höhlen gelebt

Vielleicht haben die Neandertaler gar nicht in dunklen Höhlen gelebt
Bei Ausgrabungen in Schlesien sind Archäologen der Universität Breslau auf 17.000 Neandertaler-Werkzeuge gestoßen. Das Besondere an dem Fund: Weit und breit gibt es keine Höhle.
Foto: © A. Wisniewski
VON WEGEN CAVEMAN Denkt man an die Neandertaler, dann fallen einem sofort Höhlen ein. Dunkle Behausungen, in denen sie vor der fiesen Kälte der Eiszeit Schutz suchten und am kuscheligen Lagerfeuer Mammuts verspeisten. Doch war dem wirklich so? Waren die Neandertaler wirklich Höhlenmenschen?
Fakt ist, dass man fast alle Neandertaler-Fossilien und Werkzeugartefakte in Höhlen oder im Umfeld von Höhlen gefunden hat. Fossilien oder Werkzeugartefakte auf der "grünen Wiese" sind die absolute Ausnahme. Daher nahm man bislang an, dass die Neandertaler nur selten im Freien oder in einfachen Behausungen übernachteten. Doch das scheint nicht zu stimmen.

60.000 Jahre alte Funde unter freiem Himmel

Wie das Wissenschaftsportal "Science in Poland" berichtet, sind Archäologen der Universität Breslau (Wroclaw) im Süden Polens auf eine großflächige Neandertaler-Fundstelle gestoßen. Und dort haben sie nicht nur jede Menge Feuerstein-Objekte gefunden, sondern auch Fossilien von Mammuts, Nashörnern und Wildpferden, die offenbar geschlachtet wurden. Und keine Höhle weit und breit.
Laut Dr. Andrzej Wisniewski vom Archäologischen Institut der Universität Breslau handelt es sich um 17.000 Werkzeug-Tools aus Feuerstein sowie Gerätschaften, die zur Herstellung dieser Tools benötigt wurden. Und die Datierung hat ergeben, dass sie aus der Zeit vor 60.000 Jahren stammen. Damit können sie nicht vom modernen Menschen Homo sapiens stammen, der Europa erst deutlich später erreicht hat, sondern müssen von Neandertalern hinterlassen worden sein.

Die Neandertaler haben lange dort gelebt

Die Fundstelle an einem Flussufer in der Nähe des Dorfes Pietraszyn in Schlesien befindet sich unter freiem Himmel und ist so umfangreich, dass die polnischen Archäologen davon ausgehen, dass eine Neandertaler-Gruppe dort über einen längeren Zeitraum gelebt hat.
"Die Funde aus Pietraszyn widersprechen vollkommen den bisherigen Annahmen, wie Neandertaler offene Landschaften genutzt haben", sagt Dr. Wisniewski. "Die große Zahl der Artefakte, die wir gefunden haben, deutet darauf hin, dass sich diese Gruppe sehr lange dort aufgehalten hat."
Laut Dr. Andrzej Wisniewski handelt es sich um die mit Abstand größte Ansammlung von Neandertaler-Werkzeugen, die man bislang in Europa außerhalb einer Höhle gefunden hat.

Der Neandertaler erreichte Polen vor 300.000 Jahren

Es gibt Fundstellen in der Ukraine und in Deutschland, die darauf hindeuten, dass die Neandertaler auch einfache Hütten gebaut haben, um darin zu übernachten. Doch bislang hielt man das für seltene Ausnahmen. Die Funde aus Polen rütteln an dieser Theorie. Vielleicht basiert das Bild vom Neandertaler als Höhlenbewohner ausschließlich auf der Tatsache, dass Fossilien und Artefakte in Höhlen besser konserviert werden als unter freiem Himmel, wo sie Wind und Wetter ausgesetzt sind.
Dass auch in Polen Neandertaler gelebt haben, belegen 200.000 Jahre alte Steinwerkzeuge, die man entlang der Weichsel gefunden hat. Allerdings nimmt man an, dass der europäische Urmensch bereits vor 300.000 Jahren auch im heutigen Polen präsent war.
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EVOLUTION & MEINUNG

Wir sind, um es einmal so zu formulieren, eigentlich nur die Neandertaler von morgen.
Hoimar von Ditfurth

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