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Haben sich die ersten Vormenschen doch in Europa entwickelt?

Haben sich die ersten Vormenschen doch in Europa entwickelt?
Diesen rund 9 Millionen Jahre alten Kiefer hat man in Griechenland gefunden. Handelt es sich um einen Vormenschen, von dem der afrikanische Australopithecus abstammt?
Foto: © David Begun
MENSCHENAFFE ODER HOMININI? Sahelanthropus, Orrorin, Ardipithecus, Australopithecus - Fossilien von aufrecht gehenden Homininen hat man bislang nur in Afrika gefunden. Doch wer waren ihre Vorfahren? Haben sie sich aus lokalen Menschenaffen-Populationen entwickelt? Oder liegen ihre Wurzeln ganz woanders?
David Begun, Professor für Paläoanthropologie an der Universität Toronto, vertritt seit Jahren die Theorie, dass sich die ersten Homininen nicht in Afrika, sondern bereits vor 9 Millionen Jahren in Südosteuropa entwickelt haben. Von dort aus sollen sie sich vor etwa 6 Millionen Jahren nach Afrika ausgebreitet und den nächsten Schritt in Richtung Mensch gemacht haben.

Es handelt sich um eine bislang unbekannte Art

Um seine Theorie zu untermauern, hat Professor Begun bei einer Konferenz der American Association of Physical Anthropologists zwei Kieferfossilien vorgestellt, die man bereits 1990 auf der griechischen Halbinsel Chalkidiki gefunden hat.
Begun und sein Team haben den Unter- und Oberkiefer und die Zähne noch einmal neu untersucht und glauben, dass sie genügend Merkmale eines Homininen aufweisen, um sie in die Nähe des afrikanischen Australopithecus zu stellen.
Als man die Fossilien 1990 fand, wurden sie dem Ouranopithecus zugeordnet. Dabei handelt es sich um einen Menschenaffen, der vor 10 bis 7 Millionen Jahren in Griechenland und in der Türkei weit verbreitet war. Doch David Begun glaubt das nicht. Die Kiefer und Zähne stammen seiner Meinung nach von einer bislang unbekannten Art. Und diese Art soll zu einer Gruppe europäischer Menschenaffen gehört haben, aus der sich später die afrikanischen Homininen entwickelten.

Graecopithecus und Fußabdrücke auf der Insel Kreta

David Begun war bereits an der Erforschung des Graecopithecus freybergi beteiligt, den eine Forschergruppe um Madelaine Böhme von der Universität Tübingen im Jahr 2017 als potenziellen Vorfahren des afrikanischen Australopithecus präsentiert hat. Auch dieses 7,2 Millionen Jahre alte Fossil stammt aus Südosteuropa und weist mehrere Homininen-Merkmale auf.
Ob die "europäischen Homininen" bereits aufrecht gingen, ist umstritten. Allerdings haben Geologen auf der Insel Kreta versteinerte Fußabdrücke gefunden, die stolze 5,7 Millionen Jahre alt sind. Nach Ansicht der Forscher stammen sie von einem aufrecht gehenden Menschenaffen - also von einem Hominini.

Die Wiege des Menschen stand auf dem Balkan

David Begun gehört zu einer kleinen, aber äußerst beharrlichen Gruppe Paläoanthropologen, die davon überzeugt ist, dass die Entwicklung vom Menschenaffen zum Menschen nicht in Afrika sondern in Südosteuropa begann.
Die ersten Homininen sollen vor 9 Millionen Jahren auf dem heutigen Balkan entstanden sein. Vor 7 Millionen Jahren folgten weitere Arten wie der Graecopithecus. Und vor 6 Millionen Jahren durchquerten die europäischen Vormenschen das damals nahezu ausgetrocknete Mittelmeer und gelangten so nach Afrika, wo sie sich zum Australopithecus weiterentwickelten.
Die Wurzeln des Menschen liegen im östlichen europäischen Mittelmeerraum, sagen Forscher wie David Begun. Die ersten homininen Merkmale (grazileres Gebiss, andere Zahnwurzeln, möglicherweise schon der aufrechte Gang) sind in Europa entstanden.

Migration nach Afrika durch Klimaveränderung

Doch warum haben die ersten Vormenschen Südosteuropa verlassen und nach Afrika "rübergemacht"? David Begun und Madeleine Böhme haben dafür eine einfache Erklärung.
Vor etwa 6 Millionen Jahren gab es einen dramatischen Klimawechsel. Es wurde immer heißer und trockener. Die fruchtbaren Wälder auf dem heutigen Balkan verschwanden und verwandelten sich in Savannen- und Wüstenlandschaften. Die europäischen Vormenschen mussten sich neuen Lebensraum suchen, wenn sie überleben wollten. Und den fanden sie in Afrika.

Umstrittene Theorie mit Konfliktpotenzial

Diese Theorie, die man auch als North Side Story bezeichnet, ist natürlich umstritten. Denn sie rüttelt an einem Eckpfeiler der modernen Paläoanthropologie, nämlich dass die Wiege der Menschheit in Afrika stand.
Professor Begun ist sich des Konfliktpotenzials seiner Theorie natürlich bewusst. Im Wissenschaftsmagazin New Scientist sagte er, dass viele Experten, die an den afrikanischen Ursprung der Homininen glauben, sein Konzept natürlich ablehnen werden. Aber er hofft, dass sich die Theorie im Laufe der Zeit durchsetzt.
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EVOLUTION & MEINUNG

Darwin konsequent gedacht. Vielleicht stammt ja der Affe vom Menschen ab.
Paulus Terwitte

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