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Einheimische, Zuwanderer und deutliche Spuren von Kannibalismus

Einheimische, Zuwanderer und deutliche Spuren von Kannibalismus
Knochen aus Spy geben Aufschluss über Ernährung und Mobilität der dortigen Neandertaler. Sie haben sich ähnlich ernährt wie der moderne Mensch, sagen Forscher.
Foto: © Royal Belgian Institute of Natural Sciences (RBINS)
LECKER (MENSCHEN)FLEISCH Die späten Neandertaler und der Homo sapiens, die vor etwa 40.000 Jahren Seite an Seite in Europa lebten, haben sich nahezu identisch ernährt, sagen Forscher der Universität Tübingen, des Senckenberg Centre for Human Evolution und Kollegen aus Belgien, Frankreich, Spanien, Japan und den USA. Auf dem Speisezettel der beiden Menschenarten standen vor allem Mammuts, Wollhaarnashörner und Rentiere.
Das internationale Forscherteam hat die Isotopenverteilung in fossilen Menschen- und Tierknochen untersucht, die Neandertaler und Homo sapiens in den Höhlen von Goyet, Spy und Scladina (Belgien) sowie in der deutschen Fundstätte Lommersum hinterlassen haben.

Mammutfleisch als Ernährungstrend

Isotope sind instabile Atome, deren Gewicht sich unterscheidet und deren Anreicherung im Knochenkollagen Forschern verrät, welche Nahrung ein Lebewesen zu sich genommen hat. Das Verhältnis von Stickstoff-Isotopen verrät zum Beispiel, ob sich ein Mensch vorwiegend pflanzlich oder mit Fleisch ernährte. Außerdem lässt sich durch die sogenannte Isotopensignatur die regionale Herkunft eines Nahrungsmittels nachvollziehen.
Christoph Wißing von der Universität Tübingen und seine Kollegen fanden in den untersuchten Neandertaler- und Homo sapiens-Fossilien nahezu identische Isotope. Daher gehen sie davon aus, dass sich die beiden Menschenarten sehr ähnlich ernährt haben. Auf dem Speiseplan standen vor allem Mammuts und Nashörner, aber auch Rentiere.
"Es war zu dieser Zeit scheinbar 'Ernährungstrend', sich auf die riesigen, an Kälte angepassten Großsäuger zu spezialisieren", sagt Wißing. "Andere Fundstellen in Europa deuten auf ähnliche Ergebnisse hin."

Einheimische und zugereiste Neandertaler

Die Isotopenverteilung lieferte den Forschern auch Hinweise, woher die Neandertaler aus den verschiedenen Höhlen stammten. Und dabei haben sie eine überraschende Entdeckung gemacht.
Die Neandertaler aus Spy haben vor allem Beutetiere aus dem näheren Umkreis gegessen, sagen die Forscher. Sie scheinen Einheimische gewesen zu sein. Dagegen muss es sich bei den Goyet-Neandertalern um Zugereiste gehandelt haben, denn ein Großteil ihrer Nahrung stammte aus einer anderen Region.

Homogene Gruppen, die sich feindselig begegneten

Interessanterweise fanden die Forscher ausgerechnet auf den fossilen Knochen der zugereisten Neandertaler Spuren von intensivem Kannibalismus. Ob sie sich aus Nahrungsmangel gegenseitig gegessen haben oder von den einheimischen Neandertalern getötet und verspeist wurden, ist noch unklar.
Die Forscher glauben allerdings, dass die Neandertaler in homogenen Gruppen lebten, die keinen Kontakt zueinander hatten und sich möglicherweise feindselig begegneten. Der Homo sapiens der damaligen Zeit war da viel geselliger und auch mobiler. Er verfügte bereits über kulturelle Netzwerke zu anderen Homo sapiens-Gruppen, so die Forscher.

Als der Homo sapiens kam, geriet das Mammut unter Druck

Christoph Wißing und seine Kollegen haben noch eine weitere Entdeckung gemacht. Sie haben festgestellt, dass die Mammutpopulation erst unter Druck geriet, als der moderne Mensch Homo sapiens auftauchte.
Wißing: "Diese Herdentiere mit relativ langsamen Reproduktionszyklen wurden vermehrt gejagt, wohl auch von den in größerer Zahl auftretenden, modernen Menschen. Der Einfluss des modernen Menschen auf das Ökosystem war bereits mit dem frühen Auftreten in Europa intensiver als der des Neandertalers."
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Es muß eine unvorstellbare grosse Zahl von Übergangsstufen zwischen allen lebenden und ausgestorbenen Arten gegeben haben. Von ihnen fehlt fast jede Spur. Wo sind sie geblieben?
Steve Jones

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