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WIEVIELE URMENSCHEN GAB ES?

Homo ergaster: Unser Vorfahre mit der vorstehenden Schnauze

Homo ergaster: Unser Vorfahre mit der vorstehenden Schnauze
Dieser Schädel soll von einem Homo ergaster stammen. Unterscheidet er sich ausreichend genug vom Homo erectus, um ihn als eigene Menschenart auszuweisen?
Foto: © Daderot, CC0
LASS UNS EIN BISSCHEN SPLITTERN Schaut man sich den Fossilbestand an, dann gab es in der Zeit vor 2,8 bis 1,9 Millionen Jahren einen fließenden Übergang vom Australopithecus zum Menschen. Die aufrecht gehenden Menschenaffen wurden größer, ihre Gehirne wuchsen und sie nahmen die ersten Steinwerkzeuge in die Hand.
Ob Homo rudolfensis und Homo habilis bereits Menschen waren, ist umstritten. Einige Forscher sagen ja, andere nein. Doch fest steht, dass vor etwa 1,9 Millionen Jahren die ersten Hominini auftauchten, die man zweifelsohne der Gattung Homo zuordnet.
Einige Experten wie Tim White von der Universität Berkeley sagen, dass diese frühen Menschen bereits Homo erectus waren. Andere wie Bernard Wood von der George Washington Universität sehen gravierende anatomische Unterschiede zum Homo erectus und plädieren für eine Vorgängerart, aus der sich Homo erectus entwickelt hat. Sie ordnen die afrikanischen Fossilfunde aus der Zeit vor 1,9 bis 1,5 Millionen Jahren einer eigenständigen Menschenart zu - dem Homo ergaster.

Groß und schlank vs. klein und kompakt

Was unterscheidet den Homo ergaster vom Homo erectus? Laut Bernhard Wood sind es vor allem fünf Merkmale: die nur schwach entwickelte Überaugenwulst, lange schmale Zähne, eine deutlich vorstehende "Schnauze", dünne Schädelknochen und ein insgesamt grazilerer Körperbau.
Das berühmteste Fossil, das man Homo ergaster zuordnet, ist der sogenannte Turkana Boy, dessen fast vollständig erhaltene Überreste man 1984 in Kenia gefunden hat. Dieser Teenager wäre, hätte er das Erwachsenenalter erreicht, wahrscheinlich 1,80 Meter groß und 80 Kilogramm schwer geworden.
Zum Vergleich: Die meisten Homo erectus-Fossilien lassen auf eine Körpergröße von etwa 1,60 Meter und ein Gewicht von 70 Kilogramm schließen.

Evolutionärer Vorgänger von Homo erectus?

In der Zeit vor 1,9 bis 1,5 Millionen Jahren gab es also zwei unterschiedliche Menschentypen. Einen hochaufgeschossenen, schlanken Menschen, der dem heutigen Menschen bereits ähnlich sah, und einen kompakteren kleineren Typus, der noch mehr anatomische Ähnlichkeit mit seinen australopithecinen Vorfahren hatte.
Die Tim-White-Fraktion vertritt die Meinung, dass all diese Menschen dennoch zu Homo erectus gehörten. Die anatomischen Unterschiede deuten sie als regionale Varianten, wie man sie auch vom heutigen Menschen kennt. Homo ergaster und Homo erectus gehörten zur gleichen Art, so wie heute lebende Pygmäen (1,45 Meter) und Europäer (1,75 Meter) trotz aller Unterschiede Homo sapiens sind.
Bernhard Wood und seine Mitstreiter sehen das anders. Sie glauben, dass es sich beim Homo ergaster um eine eigene Menschenart handelte, die sich parallel zu Homo erectus entwickelte oder sein evolutionärer Vorgänger war.

War auch der Homo naledi ein Homo erectus?

Dieser Forscherstreit dauert nun schon zwanzig Jahre. Und es haben sich zwei unversöhnliche Lager herausgebildet. Die einen sagen: Es gab Homo ergaster (1,9 - 1,5 Mio Jahre), Homo erectus (1,6 Mio - 600.000 Jahre) und Homo heidelbergensis (600.000 - 200.000 Jahre).
Die anderen vertreten ein Modell, in dem sie alle archaischen Menschen, die bis zur Entstehung von Neandertaler und Homo sapiens gelebt haben, zu Homo erectus stellen. Tim White ist sogar der Meinung, dass der im Jahr 2015 in Südafrika entdeckte Homo naledi, der vor 300.000 Jahren lebte, noch ein Homo erectus war.

Akademischer Grabenkrieg

Die meisten US-amerikanischen Paläoanthropologen vertreten inzwischen das Mehrere-Arten-Modell. So schrieb Jeffrey H. Schwartz von der Universität Pittsburgh im Fachmagazin Science, dass die Zuordnung aller Fossilfunde der letzten 2 Millionen Jahre zu Homo erectus wohl mehr mit Tradition als mit biologischer Realität zu tun hat.
Viele europäische Forscher halten dagegen am Eine-Art-Modell fest. Sie berufen sich dabei auf fünf Schädel, die man ihm georgischen Dmanisi gefunden hat. Obwohl alle fünf Fossilien aus der gleichen Zeit stammen, unterscheiden sie sich erheblich. Vier wirken bereits modern, doch der fünfte besitzt noch robuste, archaische Merkmale. Sollten sie zu einer Gruppe gehört haben, was man annimmt, dann wäre das ein Beleg für die anatomische Variabilität, die der Homo erectus besaß.
Gab es nur einen Urmenschen oder mehrere klar unterscheidbare Arten? Die Experten werden sich da nicht einig. Und wie es aussieht, wird sich dieser Forscherstreit noch eine Weile fortsetzen. Die Fachleute sitzen in ihren akademischen Schützengräben und sind nicht bereit, auch nur einen Zentimeter zurückzuweichen.
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