Startseite Antropus
Menschen. Urmenschen. Hominiden
Forscher. Fossilien. Artefakte
Menübutton
SKULL.X - Der Paläo Blog

Schon wieder ein Fossil, das viel zu modern für seine Zeit ist

Schon wieder ein Fossil, das viel zu modern für seine Zeit ist
Eine virtuelle Rekonstruktion des Schädels HLD 6, den Forscher in China gefunden haben. Das Fossil ist 300.000 Jahre alt und weist sowohl alte als auch moderne anatomische Merkmale auf.
Foto: © Wu Xiujie
UNGEWÖHNLICHER ANATOMIE-MIX Und täglich grüßt das Paläo-Murmeltier. Forscher haben in einer Höhle im Südosten Chinas einen weiteren menschlichen Schädel ausgegraben, der einen ungewöhnlichen Mix aus alten und modernen anatomischen Merkmalen aufweist.
Wie das internationale Forscherteam unter der Leitung von Liu Wu und Wu Xiujie von der Chinesischen Akademie der Wissenschaften im Fachjournal PNAS berichtet, ist der Schädel etwa 300.000 Jahre alt. Und wie bei so vielen Funden aus der Region weiß man nicht so genau, wie man ihn einordnen soll.

Ein Mix aus alten und modernen Merkmalen

Der nahezu vollständig erhaltene Schädel HLD 6 stammt aus der Hualong-Höhle im Südosten Chinas. Das Schädeldach ist langgezogen und flach wie bei älteren Funden aus Ostasien (Pekingmensch). In dieses Bild passt auch die kräftige Überaugenwulst, die typisch für archaische Urmenschen wie den Homo erectus ist.
Auf der anderen Seite besitzt der Schädel aber auch Merkmale, die die Forscher als "vorweggenommene Merkmale des modernen Menschen" bezeichnen. Dazu zählen ein flaches Mittelgesicht und erste Ansätze eines vorstehenden Kinns.

Sehr viele unterschiedliche Menschenformen

Das Forscherteam, dem auch Ignacio de la Torre vom University College in London, R. Lawrence Edwards von der Universität Minnesota und Erik Trinkaus von der Washington Universität in St. Louis angehörten, kommt in seiner Studie zu dem Ergebnis, dass das Fossil aus der Hualong-Höhle ein weiterer Beleg dafür ist, wie groß die anatomische Vielfalt im mittelpleistozänen China war.
Der Schädel aus der Hualong-Höhle besitzt nach Ansicht der Forscher Merkmale, die durchaus in die morphologische "Tradition" der Region passen. Aber er weist auch Besonderheiten auf, die man bei anderen Fossilien nicht findet. Oder anders formuliert: In Ostasien haben vor 300.000 - 100.000 Jahren sehr unterschiedliche archaische Menschen gelebt.

Parallel-Evolution oder frühe Migration?

Egal ob Jinniushan-Mensch (250.000 Jahre), Dingcun-Mensch (120.000), Zhirendong-Mensch (100.000) oder jetzt der Hualongdong-Mensch (300.000), all diese Fossilien besitzen anatomische Merkmale, die eigentlich viel zu modern für ihre Zeit sind. Einige Forscher klassifizieren sie deshalb als archaischen Homo sapiens. Doch das widerspricht natürlich der Out of Africa-Theorie, nach der sich der moderne Mensch erst vor 60.000 Jahren nach Asien ausgebreitet hat.
Die Quizfrage lautet also: Wie sind anatomisch moderne Merkmale, von denen man annimmt, dass sie sich in Afrika entwickelt haben, schon vor 300.000 Jahren nach Asien gelangt? Handelt es sich um Parallel-Evolution? Oder haben schon frühe moderne Menschen Afrika verlassen und sich nach Asien ausgebreitet?

Nichts will in den Stammbaum passen

Der Fossilbestand in Ostasien bleibt rätselhaft. Das belegen auch über 100.000 Jahre alte Zahnfossilien eines Kindes, die Forscher erst vor wenigen Wochen in Nordchina ausgegraben haben.
Studienleiter Song Xing: "Wir wissen wirklich nicht genau, in welchen Teil des menschlichen Stammbaums wir diesen rätselhaften Homininen einordnen sollen. Das Fossil besitzt archaische Merkmale, aber auch Eigenschaften eines modernen Menschen. Es handelt sich um ein seltsames Mosaik."
Genau umgekehrt verhält es sich mit Funden aus Longlin. Die dort entdeckten Körper- und Schädelknochen sowie Kiefer und Zähne sind nur 14.000 Jahre alt. Doch sie ähneln viel älteren Fossilien aus Afrika. Wie das alles zusammenpasst, weiß zurzeit kein Mensch.
Button Über Charles Darwin und die Evolutionstheorie
Button Wie funktioniert eigentlich Evolution?
Button Fossilien sind seltener als Diamanten
Button Menschen und Hominiden nach Gattung und Art
Lucy & Co. sind nicht durch Klimawandel entstanden
Homo ergaster: Unser Vorfahre mit der vorstehenden Schnauze
Dieser Kiefer aus Tibet stammt von einem Denisova-Menschen

EVOLUTION & MEINUNG

Der Mensch ist der Joker im Glücksspiel Evolution.
Manfred Poisel

Diese Beiträge könnten Sie ebenfalls interessieren

Der Homo habilis war anatomisch gesehen noch ein halber Affe
Ernährung und Gebiss haben die Sprache des Menschen verändert
Übersicht: Alle neuen Beiträge in chronologischer Reihenfolge »