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DEUTSCHES HÖHLENLEBEN

Die Neandertaler verschwanden, bevor der Homo sapiens auftauchte

Die Neandertaler verschwanden, bevor der Homo sapiens auftauchte
Seit 1997 erforscht Professor Nicholas Conard von der Universität Tübingen die Höhle Hohle Fels und hat mit seinem Team einige spektakuläre Entdeckungen gemacht.
Foto: © Friedhelm Albrecht, CC BY-SA 2.0 Lizenz
FRÜHE KLIMAFLÜCHTLINGE Die Höhle Hohle Fels in der Schwäbischen Alb ist UNESCO-Welterbe und die bedeutendste archäologische Fundstelle in Deutschland. In den letzten Jahrzehnten haben Forscher dort zehntausende Steinwerkzeuge, Schmuckstücke und steinzeitliche Kunstwerke ausgegraben.
Die meisten Funde stammen vom modernen Menschen Homo sapiens. Dazu zählen ein Pferdekopf aus Mammut-Elfenbein, ein menschliche Statuette mit Raubtierkopf, eine Venusfigur und eine Flöte, die aus einem Geierknochen hergestellt wurde. Doch bevor der Homo sapiens vor etwa 40.000 Jahren die Höhle besiedelte, haben dort noch andere Menschen gelebt - Neandertaler.

Sterile Schicht trennt Neandertaler und Homo sapiens

Menschliche Fossilien hat man in der schwäbischen Höhle nicht gefunden. Doch Werkzeugartefakte und Überreste von Beutetieren belegen, dass dort sowohl Neandertaler als auch moderne Menschen gelebt haben. Die Neandertaler bewohnten die Höhle vor etwa 80.000 bis 60.000 Jahren, der Homo sapiens machte es sich dort vor 40.000 Jahren gemütlich.
Sind sich die beiden Menschenarten noch begegnet? Haben sie voneinander gelernt? Zeugten sie gemeinsamen Nachwuchs? Wahrscheinlich nicht, denn zwischen den Neandertaler- und Homo sapiens-Fundschichten haben die Forscher eine sogenannte "sterile Schicht" gefunden - keine Werkzeuge, keine Beutetiere, keine Kunst. Die Höhle war lange Zeit unbewohnt.

Langsamer kontinuierlicher Klimawandel

Wie es aussieht, hat der Neandertaler die Höhle aufgegeben, bevor sich der Homo sapiens in Europa ausbreitete. Und da stellt sich natürlich die Frage, warum er das tat. Schließlich hatte er dort 20.000 Jahre lang gelebt.
Um diese Frage zu klären, haben Sara Rhodes, Britt Starkovich und Nicholas Conard von der Universität Tübingen die Sedimentschichten dieser Zeit noch einmal neu analysiert. Sie haben nach Tierfossilien und Pflanzenpollen gesucht, um herauszufinden, was für ein Klima damals herrschte.
Wie die Forscher im Fachmagazin Plos One berichten, gab es kein plötzliches dramatisches Klimaereignis, das den Neandertalern zu schaffen gemacht haben könnte. Allerdings haben sie festgestellt, dass es im Laufe der Jahrtausende langsam aber stetig kälter wurde. Sie sprechen von einer zunehmend "arktischen Umwelt."

Der Neandertaler verschwand, bevor der Homo sapiens kam

Als die Neandertaler in der Hohle Fels lebten, gab es in der Region ausgedehnte Wälder, Flüsse und Teiche, Wiesen und Feuchtwiesen, so die Forscher. Ein fruchtbares Habitat, in dem sich gut leben ließ. Doch dann wurde es kälter und die Landschaft veränderte sich. Eine kargeTundra entstand.
"Wir haben Hinweise für eine graduelle Abkühlung der Schwäbischen Alb gefunden, die den Neandertaler aus der Region des Ach-Tales vertrieben haben könnte", schreiben die Forscher in ihrer Studie. "Und das geschah deutlich vor der Ankunft des modernen Menschen."

Es gibt noch eine unerforschte Fundschicht

Fazit der Forscher: Das Verschwinden des Neandertalers hatte - zumindest in der Schwäbischen Alb - nichts mit Konkurrenzkampf oder genetischer Absorbierung zu tun. Die Neandertaler haben die Region verlassen (oder sind ausgestorben), weil sich das Klima verschlechterte. Wahrscheinlich fanden sie nicht mehr genug Nahrung.
Die Grabungen in der Höhle Hohle Fels, die 1997 begonnen haben, sind übrigens noch nicht abgeschlossen. Probebohrungen haben ergeben, dass es noch eine weitere Sedimentschicht gibt, die bis in die Zeit vor 130.000 Jahren zurückreicht. Und die will man im nächsten Jahr erkunden.

Wenig Geld, langsame Forschung

Dass die Grabungen so langsam vorankommen, hat natürlich mit Geld zu tun. Bei einem "Alb-Talk" beklagte Professor Conard, dass für Forschungsbereiche wie die Archäologie viel zu wenig Geld zur Verfügung steht. Während der Staat andere Forschungszweige mit Millionensummen fördert, bekommt ein Archäologen-Team vielleicht mal 100.000 Euro. Von seinen 25 Mitarbeitern, die oft wochenlang graben, könne er gerade mal 5 halbwegs anständig bezahlen, so der Professor.
Der Südwest Presse sagte Conard: "Wir brauchen einfach mehr Ressourcen." Und er fragt sich manchmal, ob Bundes-Forschungsministerin Annette Schavan (CDU) überhaupt weiß, dass es in ihrem Wahlkreis eine so bedeutende archäologische Fundstelle gibt.
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David M. Raup

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