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Dieser europäische Menschenaffe hätte ein Mensch werden können

Dieser europäische Menschenaffe hätte ein Mensch werden können
Skelett-Rekonstruktion und Fossilien eines Oreopithecus. Er lebte vor 9 Millionen Jahren auf einer Mittelmeerinsel und ging aufrecht wie die frühen Vorfahren des Menschen.
Foto: © Conty, CC BY 3.0 Lizenz
ERSTER PROTOTYP DER EVOLUTION Der erste aufrecht gehende Menschenaffe entstand ... vor 7 Millionen Jahren in Afrika, werden sie nun sagen. Es handelte sich um den Sahelanthropus tchadensis. Doch das ist falsch. Schon vor 9 Millionen Jahren gab es in Europa einen Menschenaffen, der sich auf seine Hinterbeine gestellt hatte und aufrecht ging. Man bezeichnet ihn als Oreopithecus bambolii.
Die ersten Fossilien von Oreopithecus bambolii hat man Ende des 19. Jahrhunderts in der italienischen Toscana entdeckt. In den 50er Jahren fand man auch auf Sardinien Knochen dieses urzeitlichen Menschenaffen. Nach allem, was man heute weiß, entwickelte er sich vor 9 Millionen Jahren und starb vor 6,5 Millionen Jahren wieder aus.

Aufrechter Gang und Füße wie ein Ardipithecus

Alle wissenschaftlichen Studien (bis auf eine Ausnahme) kommen zu dem Ergebnis, dass der Oreopithecus aufrecht ging. Seine Beine, seine Füße und das Becken waren an den aufrechten Gang angepasst. Die Wirbelsäule war bereits S-förmig wie beim Menschen. Und die Position des Hinterhauptlochs lag nicht wie bei den heutigen Menschenaffen hinten am Kopf, sondern unter dem Kopf - ebenfalls ein menschliches Merkmal.
Bemerkenswert sind auch die Hand- und Fußknochen des Oreopithecus. Er besaß bereits einen abspreizbaren Daumen und beherrschte den Präzisionsgriff, sagen die Paläoanthropologen. Er war also wie der Mensch in der Lage, kleine Gegenstände mit Daumen und Zeigefinger zu packen. Und die Füße mit einem zu 100 Grad abspreizbaren großen Zeh ähnelten denen des afrikanischen Ardipithecus. Dieser "Breitfuß" sorgte für einen soliden Stand.

1,10 Meter groß und das Gehirn eines Schimpansen

Der Oreopithecus lief dauerhaft aufrecht. Allerdings war er kein flinker Läufer, sondern schlenderte gemächlich durch die Landschaft. Er musste auch nicht schnell sein, denn er lebte auf einer Insel, die aus dem Ur-Mittelmeer Thetys herausragte. Der Rest des heutigen Italien lag damals noch auf dem Meeresgrund. Und auf dieser Insel gab es keine Raubtiere, die ihm gefährlich werden konnten.
Der Oreopithecus war etwa 1,10 Meter groß und wog gute 32 Kilogramm. Er besaß lange Arme, mit denen er wahrscheinlich Früchte von Sträuchern und kleinen Bäumen pflückte. Einige Forscher vermuten sogar, dass er ab und zu die Strände seiner Insel besuchte und dort Meeresfrüchte verspeiste.
Besonders clever war der Oreopithecus wohl nicht. Sein Gehirnvolumen lag zwischen 300 und 500 ccm (Straus et al.). Damit war sein Gehirn in etwa so groß wie das eines heutigen Schimpansen.

Als die Raubtiere kamen, starb der Oreopithecus aus

Eine der wichtigsten Studien über den Oreopithecus stammt von Meike Köhler und Salvador Moya-Sola vom Katalanischen Institut für Paläontologie. Darin bescheinigen sie dem Oreoptihecus einen ungewöhnlichen anatomischen Mix aus Menschenaffe und Hominini. Im Fachmagazin PNAS bezeichneten sie ihn mal als "Schlüsselart für das Verständnis der menschlichen Bipedalität".
Der Oreopithecus besaß also - wie die afrikanischen Homininen, die ein paar Millionen Jahre später lebten - das Zeug zum Menschen. Doch daraus wurde nichts. Vor etwa 6,5 Millionen Jahren sank der Meeresspiegel und die Insel, auf der Oreopithecus bambolii zu Hause war, bekam eine Landverbindung. Säbelzahnkatzen wie der Machairodus wanderten ein und bereiteten der friedlichen Insel-Idylle ein Ende. Der behäbige Oreopithecus, der noch nie ein Raubtier gesehen hatte, war für die gefräßigen Räuber leichte Beute und starb aus.

Stammbaum: Wohin mit dem Oreopithecus?

Nach wie vor wird kontrovers darüber diskutiert, welche Position man dem Oreopithecus im Stammbaum der Hominiden zuweisen soll. Er war definitiv kein Vorfahre des Menschen, aber auch kein "klassischer" Menschenaffe. Und sein aufrechter Gang hat sich unter ganz anderen Umweltbedingungen entwickelt als der in Ostafrika.
Wie es aussieht, bleibt der Oreopithecus ein evolutionäres Unikat. Eine endemische Art, die es nur einmal gab und die sich nur auf einer einzigen Insel entwickelte. Der Oreopithecus hinterließ keine Nachfahren und auch sein Ursprung ist nebulös. Einige Forscher glauben, dass er vom Menschenaffen Dryopithecus abstammt, der bis vor 12 Millionen Jahren in Afrika, Europa und Asien weit verbreitet war. Aber das ist mehr Spekulation denn Wissen.
Nachzutragen ist noch, dass Gabrielle Russo und Liza Shapiro von der Universität Texas im Jahr 2013 im Fachmagazin Journal of Human Evolution eine Studie veröffentlicht haben, in der sie den dauerhaft aufrechten Gang des Oreopithecus in Frage stellen. Allerdings haben die beiden Nachwuchs-Forscherinnen nur die unteren Lendenwirbel des Oreopithcus untersucht.
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