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Homo sapiens und Neandertaler hatten Sex mit Geisterarten

Homo sapiens und Neandertaler hatten Sex mit Geisterarten
Der moderne Mensch hat sich mit ursprünglichen Menschenarten vermischt, sagen Forscher der Universität Buffalo. Sie haben bei einigen Afrikanern seltsame Fremd-DNA gefunden.
Foto: © Bob Wilder, University of Buffalo
BETTGESCHICHTEN AUS DER STEINZEIT Der moderne Mensch hat sich mit den Neandertalern und den Denisova-Menschen vermischt. Das belegen mehrere Gen-Studien der letzten Jahre. Allerdings scheinen das nicht die einzigen Menschenarten gewesen zu sein, mit denen unsere Spezies das Bett geteilt und Nachwuchs gezeugt hat.
Vor allem in Afrika scheinen einige ursprüngliche Menschenarten viel länger überlebt zu haben, als man bislang dachte. Und diese Menschen haben Spuren im Erbgut des Homo sapiens hinterlassen. Möglicherweise ist auch der Neandertaler solchen Urmenschen begegnet - und hat Nachwuchs mit ihnen gezeugt.

Vermischung mit deutlich älteren Menschenarten

Der erste Genetiker, der Fremd-DNA im Erbgut des modernen Menschen entdeckt hat, die nicht vom Neandertaler stammt, war Professor Michael Hammer von der Universität Arizona. Schon im Jahr 2011 stieß er im Erbgut von Afrikanern auf Genvarianten, die von älteren Menschenformen stammen mussten.
"Wir haben Hinweise auf eine Hybridisation zwischen modernen Menschen und archaischen Formen in Afrika gefunden", schrieb er damals in seiner Studie. "Es sieht so aus, als hätte unsere Linie Gene mit Menschen ausgetauscht, die sich morphologisch vom Homo sapiens unterscheiden."
Hammer und sein Team kamen zu dem Ergebnis, dass diese Vermischung vor 20.000 bis 60.000 Jahren stattgefunden haben muss - also zu einem Zeitpunkt, von dem man dachte, dass die archaischen Vorfahren von Homo sapiens und Neandertaler längst ausgestorben waren.

Homo erectus oder eine Ghost Species

Nur ein Jahr später kamen Genetiker der Universität Pennsylvania unter der Leitung von Sarah Tishkoff zu einem ähnlichen Ergebnis. Auch sie fanden Urmenschen-Gene in der DNA von Afrikanern aus Kamerun und Tansania. Und auch diese Vermischung soll vor etwa 40.000 Jahren stattgefunden haben.
Beide Studien lassen vermuten, dass es vor 20.000 bis 40.000 Jahren in Afrika noch ursprüngliche Menschenarten gab, die nicht Homo sapiens waren. Und sie scheinen noch eng genug mit dem modernen Menschen verwandt gewesen zu sein, um gemeinsam Nachwuchs zu zeugen.
Um was für Menschen es sich dabei handelte, ist unklar. Möglicherweise um letzte Vertreter von Homo erectus oder Homo heidelbergensis - oder um eine bislang unbekannte Menschenform. Die Forscher bezeichnen sie deshalb als Ghost Species, als Geisterart.

Ghost Species, weil es keine Fossilien gibt

Im Jahr 2017 fanden Forscher der Universität Buffalo weitere Hinweise darauf, dass die Vorfahren von Afrikanern, die heute südlich der Sahara leben, noch sehr lange archaische Nachbarn hatten, mit denen sie Kinder zeugten. Professor Omer Gokcumen und sein Team sind auf eine Variation des Proteins MUC7 gestoßen, die sich deutlich von den bekannten Varianten unterscheidet.
"Die plausibelste Erklärung für diese extreme Variation ist, dass es sich um genetisches Material handelt, das diese Menschen von einer Ghost Species alter Homininen geerbt haben", sagt Gokcumen. "Dabei könnte es sich um eine Art handeln, die wir bereits entdeckt haben, zum Beispiel eine Unterart des Homo erectus, oder um bislang unbekannte Homininen. Wir nennen sie Ghost Species, Geisterart, weil es bislang keine Fossilien dieser Menschen gibt."
Die US-Forscher glauben, dass sich Homo sapiens und Ghost Species vor etwa 150.000 Jahren vermischt haben. Und die Mutationsraten lassen vermuten, dass die beiden Menschenformen schon 1,5 Millionen Jahre getrennte Wege gingen, bevor sie sich ein letztes Mal trafen und Nachwuchs zeugten.

Auch der Neandertaler hatte Sex mit Urmenschen

Der afrikanische Homo sapiens hat sich also mehrmals mit Urmenschen vermischt, die viel länger existiert haben, als man bislang dachte. Und das gleiche könnte auch dem Neandertaler passiert sein.
Yousuke Kaifu, Anthropologe an der Universität Tokio, hält es für möglich, dass es gar keine Denisova-Menschen gab. Die Fremdgene, die man im Erbgut der Neandertaler gefunden hat, könnten wie beim Homo sapiens von archaischen Menschenformen stammen, die im Kaukasus lebten, als der Neandertaler dort auftauchte. Und mit diesen Urmenschen haben einige Neandertaler Nachwuchs gezeugt.

Was fehlt, sind die Fossilien

Genetisch betrachtet scheint die Sache klar. Der Urmensch Homo erectus - oder eine seiner Unterarten - ist nicht vor 200.000 Jahren ausgestorben und komplett durch Neandertaler und Homo sapiens ersetzt worden. Einige archaische Menschengruppen haben länger überlebt als gedacht und sich mit dem modernen Menschen und den Neandertalern vermischt.
Bislang hat man keine Fossilien dieser "späten Urmenschen" finden können. Jedenfalls keine, die man als solche erkannt hat. Und so wird man sie wohl noch eine Weile als "Ghost Species", als Geisterarten, bezeichnen.
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