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Hey Fossil, bist Du schon eine Art oder mögen die dich nicht?

Hey Fossil, bist Du schon eine Art oder mögen die dich nicht?
Die Entdecker hätten den Homo florisbadensis gerne zu einer neuen Menschenart gemacht. Doch viele Paläoanthropologen lehnen das kategorisch ab.
Foto: © Ryan Somma, CC BY-SA 2.0 Lizenz
Neue Vormenschen- und Menschenarten zu definieren, ist ein mühsames Geschäft. Einige überspringen die Hürden der biologischen Systematik locker, andere mit Mühe und Not und wieder andere geraten ins straucheln und bekommen die rote Karte.
Wer entscheidet darüber, ob ein neu entdecktes Fossil zu einer neuen Spezies gehört? Niemand. Es gibt keinen Obersten Gerichtshof der Paläoanthropologie. Die Forscher stimmen auch nicht darüber ab. Entweder man akzeptiert die neue Art oder nicht. Und das führt regelmäßig zu kontroversen Diskussionen und "Rudelbildung".

Fossilien, die nie zu Arten wurden

Es gibt zahlreiche Fossilien, die es nie geschafft haben, den Status einer Menschenart zu erlangen. Dazu gehören der Homo cepranensis (ein 900.000 Jahre altes Schädeldach aus Italien), der Homo florisbadensis (ein 250.000 Jahre alter Schädel aus Südafrika), der Homo gautengensis (2,0 Millionen Jahre alte Fossilien aus Südafrika) und der Homo steinheimensis (ein 300.000 Jahre alter fossiler Schädel, den man in Steinheim an der Murr gefunden hat).
Woran sind diese Möchtegern-Arten gescheitert? In der Regel daran, dass es anerkannte Koryphäen des Paläoanthropologie-Gewerbes gab, die etwas zu meckern hatten. Mal war ihnen die anatomische Abgrenzung zu bereits bekannten Arten nicht groß genug, mal gab es Zweifel an der Datierung der Funde (und ohne zuverlässige Datierung keine neue Art), ein anderes mal passten die Fossilien nicht in die gängigen Theorien über die Evolution des Menschen. Weg damit!

Die Grauzone der Pseudo-Arten

Einige Fossilen haben es immerhin zu so etwas wie Pseudo-Arten geschafft. Was ist darunter zu verstehen? Nun ja, ein Teil der weltweiten Paläoanthropologen-Gemeinde akzeptiert sie als Art, andere Forscher lehnen sie ab. Beispiele für solche Pseudo-Arten sind der Homo ergaster (Afrika), der Homo heidelbergensis (Europa), der Homo antecessor (Spanien) und der Denisova-Mensch (Kaukasus).
Auf der anderen Seite gibt es Menschenarten, die sitzen so fest im Sattel wie einst John Wayne, obwohl man Zweifel haben muss, ob es sich wirklich um eigenständige Arten handelt. Eine von ihnen ist der Neandertaler.

Umstrittener Neandertaler

Es gibt einige Argumente, die gegen die Einordnung des Neandertalers als eigene Menschenart sprechen. Zum Beispiel, dass er sich noch mit dem modernen Menschen Homo sapiens fortpflanzen konnten. So etwas ist nach der gängigen Artendefinition unmöglich. Und die anatomischen Besonderheiten, die den Neandertaler ausmachen (sollen), entsprechen nach Ansicht einiger Forscher noch der Bandbreite dessen, was man vom modernen Menschen Homo sapiens kennt. Sie definieren Neandertaler und Homo sapiens als Unterarten einer gemeinsamen Art - Homo sapiens sapiens und Homo sapiens neanderthalensis.
Dennoch wagen es nur wenige Forscher, den Neandertaler in Frage zu stellen. Und das hat vor allem mit seiner Popularität zu tun. Die Paläoanthropologen scheuen sich, eine ihrer Ikonen in die ewigen Jagdgründe zu befördern. Schließlich wäre das so, als würden die Paläontologen den T. Rex abschaffen. In Merkels Kabinett würde man wahrscheinlich sagen: Den Neandertaler können wir nicht platt machen, der ist systemrelevant - der VW unter den Menschenarten.

Den Stammbaum auf wenige Arten reduzieren?

Ist die Einteilung des Menschen in Arten also beliebig? Natürlich nicht. Meist haben die Paläoanthropologen gute Argumente, wenn sie neue Arten vorschlagen. Aber das Taxon "Art" ist dehnbar - ein systematischer Kaugummi. Sahelanthropus tchadensis und Orrorin tugenensis zum Beispiel sind als Vormenschengattungen und -arten weitestgehend anerkannt, doch dem Greacopithecus freybergi verweigert man diesen Status. Dabei sind alle drei Spezies ähnlich dürftig dokumentiert.
Nicht von ungefähr haben die beiden australischen Paläoanthropologen Dr. Darren Curnoe und Dr. Alan Thorne vor einigen Jahren vorgeschlagen, den Stammbaum des Menschen radikal zusammen zu streichen und auf vier Gattungen und ganz wenige Arten zu reduzieren. Teil ihres Modells war es, alle Menschenformen, die in den letzten 2 Millionen Jahren gelebt haben, nur noch als Homo sapiens zu bezeichnen. Doch ihr Ruf verhallte ungehört im australischen Outback.
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