ANTROPUS
DER WEBLOG über die Evolution des Menschen
MenschenUrmenschenHominiden
Menübutton

Waren Sahelanthropus, Orrorin und Ardipithecus wirklich Hominiden?

Waren Sahelanthropus, Orrorin und Ardipithecus wirklich Hominiden?
Wann trennten sich die Linien von Schimpanse und Mensch? Wann entstand der erste Hominide? Und um was für ein Wesen handelte es sich?
Foto: © Jacklee, CC BY-SA 4.0 Lizenz
Wann hat sich der erste Menschenaffe auf seine Hinterbeine gestellt und wurde zum aufrecht gehenden Hominiden? Vor 7 Millionen Jahren, sagen die meisten Paläoanthropologen. Als Belege dienen ihnen die Fossilien von Sahelanthropus, Orrorin und Ardipithecus.
Es gibt aber auch Forscher, die bei dieser Frage gähnend abwinken. "Das waren doch keine Hominiden", sagen sie, "das waren noch Affen". Die Entwicklungslinie, aus der sich der Mensch entwickelte, soll erst vor 4,2 Millionen Jahren mit dem Australopithecus anamensis (ein Vorfahre der berühmten Lucy) entstanden sein.

War der Sahelanthropus nur ein Affe?

Fangen wir mal mit dem Sahelanthropus tchadensis an. Die 7 Millionen Jahre alten Fossilien hat man im Jahr 2001 entdeckt. Der Sahelanthropus gilt als ältestes Mitglied des menschlichen Stammbaums. Dass er ein aufrecht gehender Hominide war, schließen die Entdecker vor allem daraus, dass sich das Hinterhauptsloch nicht wie bei den vierbeinig laufenden Menschenaffen hinten am Schädel befindet, sondern unter dem Schädel wie beim Menschen.
Dieser indirekte Hinweis auf den aufrechten Gang überzeugt nicht alle Forscher. So meldete sich schon kurz nach der Entdeckung der renommierte Paläoanthroploge Milton Walpoff von der Universität Michigan zu Wort und sagte: "Nichts in der Anatomie deutet darauf hin, dass es sich um einen aufrecht gehenden Hominiden handelt. Das war ein Affe."
Einige Forscher betrachten den Sahelanthropus auch deshalb mit Skepsis, weil Entdecker Michel Brunet und sein Team angeblich einen Oberschenkelknochen gefunden haben, den sie ihren Kollegen vorenthalten. Doch gerade dieser Knochen könnte Aufschluss darüber gehen, ob der Sahelanthropus tatsächlich aufrecht ging oder nicht. Und so sagt der bekannte Paläoanthropologe William Jungers: "Wir wissen nicht, warum sie das geheim halten. Gut möglich, dass es sich nicht um einen Hominiden handelt."

Ein komplexes Puzzle von Hominide

Nicht viel besser erging es dem Orrorin tugenensis, als er im Jahr 2000 entdeckt wurde. Auch der 6 Millionen Jahre alte "Millenium Mann" soll ein Vorfahre des Menschen gewesen sein. Doch die Beweislage ist dürftig. Die wenigen versteinerten Knochen, die man gefunden hat, bestehen aus stark fragmentierten Bruchstücken und stammen aus mehreren Fundschichten unterschiedlichen Alters. Die Entdecker haben also ordentlich gepuzzelt.
Dass der Orrorin aufrecht ging, schlossen Martin Pickford und seine Kollegen vor allem aus der Dicke und Beschaffenheit des Oberschenkels. Doch andere Forscher konnten inzwischen nachweisen, dass Paviane ganz ähnliche Oberschenkel haben. Und die laufen auf allen Vieren herum.

Ein seltsames Wesen wie aus Star Wars

Auch der Ardipithecus, der Dritte im Bunde der frühen Hominiden, ist umstritten. Zwar hat Tim White im Jahr 2009 eine große und viel beachtete Studie über die 4,4 Millionen Jahre alte Art Ardipithecus ramidus veröffentlicht, doch die Forschungsergebnisse sind so ungewöhnlich, dass selbst White das Fossil mit einem "Wesen aus der Weltraumbar von Star Wars" verglich.
Es gibt zahlreiche Forscher, die dem Ardipithecus den Status als Hominide absprechen. Vor allem die Füße sind ihnen zu affig, um von einem aufrecht gehenden Hominiden zu stammen. "Ich sehe nichts, was auf Bipedalität schließen lässt", sagt zum Beispiel William Jungers von der Stony Brook Universität in New York. Andere Forscher argumentieren sogar, dass die Fußknochen mit denen von Gorillas identisch sind.

Handelt es sich um konvergente Evolution?

Alle (vermeintlich) hominiden Fossilien aus der Zeit vor 7 bis 4,4 Millionen Jahren sind umstritten. Es gibt keine überzeugenden Beweise, dass es sich um Vorfahren des Menschen handelte. Ausschließen kann man es aber auch nicht.
Zu diesem Ergebnis kommen auch die Paläoanthropologen Bernard Wood und Terry Harrison in einem Beitrag für das Fachmagazin Nature. Sie beklagen unter anderem, dass jedes noch so kleine menschenähnliche Detail sofort als hominid gedeutet wird. Schließlich kenne man inzwischen mehrere ausgestorbene Affenarten (z.B. Oreopithecus bambolii und Ramapithecus punjabicus), die ebenfalls hominiden-ähnliche Merkmale besaßen, aber definitiv keine Hominiden waren.
Wood und Harrison geben zu bedenken, dass solche menschenähnlichen Körpermerkmale auch durch konvergente Evolution entstanden sein können. Davon spricht man, wenn Spezies, die nicht direkt miteinander verwandt sind, einen ähnlichen Körper entwickeln, weil sie im gleichen Lebensraum zu Hause sind. Bekannte Beispiele für konvergente Evolution sind die Flossen von Fischen und Walen oder die Flügel von Vögeln und Insekten.

Reicht schon eine Zahnwurzel?

Begann die Evolution des Menschen schon vor 7 Millionen Jahren? Oder doch erst vor 4,2 Millionen Jahren, als der erste Australopithecus auftauchte? Denn der war, da gibt es keine zwei Meinungen, ein Hominide. Also ein Menschenaffe, der aufrecht ging.
Wie schwierig es ist, diese Frage zu beantworten, zeigt nicht zuletzt der Fall des 7,2 Millionen Jahre alten Graecopithecus freybergi, der im Jahr 2017 von einem internationalen Forscherteam vom Affen zum Hominiden befördert wurde. Angeblich ähneln die Zahnwurzeln des Graecopithecus denen eines Menschen und unterscheiden sich deutlich von denen der Menschenaffen. Doch reicht dieses kleine Detail aus, um aus einem Affen einen Hominiden zu machen?

Deutlich zu alt, um ein Hominide zu sein

Last but not least sind Sahelanthropus, Orrorin und Ardipithecus (das älteste Fossil stammt aus der Zeit vor 5,5, Millionen Jahren) eigentlich zu alt, um schon Hominiden zu sein. Denn mehrere genetische Studien kommen zu dem Ergebnis, dass sich die Linien von Mensch und Schimpanse erst vor 5 Millionen Jahren getrennt haben. Dass einige Genetiker "vor 5 bis 8 Millionen Jahren" schreiben, ist vor allem diesen Fossilien geschuldet, die man nicht einfach ignorieren will.
Die Diskussion um die frühen Hominiden ist noch nicht beendet. Gut möglich, dass Sahelanthropus, Orrorin und Ardipithecus eines Tages aus dem Stammbaum des Menschen entfernt werden und ins Reich der miozänen Menschenaffen zurückkehren. Genausogut ist allerdings auch möglich, dass man noch ein gut erhaltenes Fossil findet, das die Theorie vom frühen Hominiden bestätigt. Frei nach Sokrates: "Wir wissen, dass wir (zurzeit) zu wenig wissen."
Die Shigir-Holzfigur ist 11.500 Jahre alt. Wozu sie diente, ist unklar
Die Neandertaler kannten Medizin. Und einige waren sogar Vegetarier
Button Über Charles Darwin und die Evolutionstheorie
Button Wie funktioniert eigentlich Evolution?
Button Fossilien sind seltener als Diamanten
Button Menschen und Hominiden nach Gattung und Art
PALÄO UPDATE
Fit für die Arktis: Denisova Gene haben Inuit winterfest gemacht
Wäre der Mensch wirklich intelligent, dann sähe die Welt besser aus.
Georg Wilhelm Exler
PALÄO CLASSICS - 1868
Cro Magnon Mensch
Foto: Neanderthal Museum, Daniela Hitzemann, CC BY-SA 4.0 Lizenz
Erste Europäer - Louis Lartet entdeckt in Frankreich den Cro Magnon Menschen
PALÄO CLASSICS - 2003
Homo floresiensis
Foto: © Ismoon, CC BY-SA 4.0 Lizenz
Die seltsamen Zwergmenschen von der indonesischen Insel Flores
Der große Zeh war der letzte, der sich vom Baum verabschiedete
X