HOMO SAPIENS
Button
Menschen. Urmenschen. Hominiden
Forscher. Fossilien. Artefakte
Menübutton

Die Sprache entstand, als der Mensch lernte, Faustkeile herzustellen

Die Sprache entstand, als der Mensch lernte, Faustkeile herzustellen
Das Gehirn wird größer, wenn Menschen lernen, Faustkeile herzustellen, sagt Dietrich Stout. Führte das zur Entstehung der menschlichen Sprache?
Foto: © Emory University
Die Sprache des Menschen ist einzigartig auf der Welt. Sie besitzt Worte und Syntax und ist in der Lage, auch komplexe Sachverhalte zu beschreiben. Damit unterscheidet sie sich deutlich von der Kommunikation von Menschenaffen. Doch wie und wann ist die Sprache entstanden?
Die Genetiker haben dafür eine relativ einfache Erklärung. Sie sagen: Vor etwa 400.000 Jahren gab es beim späten Homo erectus eine Mutation im Gen Foxp2. Und diese Mutation veränderte die Sprache des Menschen und erlaubte es dem Neandertaler und dem Homo sapiens, viel differenzierter miteinander zu kommunizieren. Doch ist die Entstehung von Sprache so einfach zu erklären?

Größere Gehirne durch die Herstellung von Faustkeilen

Dietrich Stout ist experimenteller Anthropologe an der amerikanischen Emory University. Er glaubt, dass es die Herstellung immer komplexerer Faustkeile war, die zur Entstehung einer komplexen Sprache geführt hat. Stout hat bei Experimenten mit seinen Studenten beobachtet, dass die weißen Bereiche ihrer Gehirne (neuronale Vernetzungen) immer größer wurden, je mehr sie über die Herstellung komplexer Acheuleen-Faustkeile lernten.
Stout hat daraufhin die Theorie aufgestellt, dass die Herstellung solcher Werkzeuge und die Vermittlung des Wissens darüber, wie man sie herstellt, zu einer Vergrößerung des menschlichen Gehirns geführt hat und dass als Nebeneffekt die Sprache entstanden ist. Das Denken wurde komplexer, und mit ihm die Kommunikation.

Zweckentfremdung von vorhandenen Netzwerken

Nette Theorie. Aber wie soll sich das in der Praxis abgespielt haben? Oren Kolodny, Evolutionsbiologe an der Stanford Universität, glaubt, dass sich die Evolution der Sprache in vielen kleinen Schritten vollzog. Und jeder einzelne dieser Schritte musste für den Menschen nützlich gewesen sein, um sich selektiv durchzusetzen. Es war ein evolutionärer Vorteil, bessere Steinwerkzeuge herzustellen, und es war ein evolutionärer Vorteil, dieses Wissen mittels Sprache an seine Nachkommen weitergeben zu können. Und dafür musste die Sprache komplexer werden.
Doch wie haben Denkmuster, die es dem Menschen ermöglichten, Acheuleen-Faustkeile herzustellen, zu neuen neuronalen Netzwerken im Gehirn geführt, durch die eine neue komplexe Sprache entstanden ist? Hier bringt Oren Kolodny den Begriff "Exaptation" ins Spiel, der vom bekannten Evolutionsbiologen Stephen Jay Gould geprägt wurde.
Exaptation bedeutet soviel wie Zweckentfremdung. Die Evolution erfindet im Grunde niemals etwas neu, sondern nutzt immer nur bereits vorhandene Strukturen, um sie für einen anderen Zweck einzusetzen. Neue Merkmale oder Fähigkeiten entstehen niemals zielgerichtet, sondern sind immer Nebenprodukte bereits vorhandener Merkmale und Fähigkeiten.
Ein schönes Beispiel für Exaptation ist die Vogelfeder. Sie diente ursprünglich dazu, die Körper von Tieren - zum Beispiel von Dinosauriern - warm zu halten. Doch die Evolution nutzte diese Struktur später, um den Vögeln das Fliegen beizubringen. Und etwas Ähnliches könnte sich im menschlichen Gehirn abgespielt haben. Es griff auf bereits vorhandene Denkstrukturen zurück, die zur Herstellung komplexer Steinwerkzeuge notwendig sind, und nutzte sie, um die dazu passende komplexe Sprache zu entwickeln.

Nur eine nützliche Metapher?

Es gibt inzwischen zahlreiche Hinweise darauf, dass die Herstellung komplexer Steinwerkzeuge und die Vermittlung des Wissens darüber bei der Entstehung der menschlichen Sprache eine Rolle gespielt haben könnte. Doch längst nicht alle Wissenschaftler sind mit dieser Interpretation einverstanden. So bezeichnete der Computerlinguist und Hirnforscher Robert C. Berwick die Ideen von Stout und Kolodny erst kürzlich als "allenfalls nützliche Metapher". Er sieht keinen erkennbaren Zusammenhang zwischen Werkzeugkultur und Sprache.
Und damit wären wir plötzlich im Paris des Jahres 1866. Damals bat die "Societe de Linguistique" ihre Mitglieder, doch bitte keine weiteren Abhandlungen über den Ursprung der Sprache zu schreiben. Begründung: Das ist Zeitverschwendung. Man wird niemals beweisen können, wie, wann und warum die Sprache entstanden ist.
Der Mensch hat bereits Bier gebraut, bevor er Ackerbau betrieb
Speere und Osteoporose besiegelten das Schicksal des Mammuts
Button Über Charles Darwin und die Evolutionstheorie
Button Wie funktioniert eigentlich Evolution?
Button Fossilien sind seltener als Diamanten
Button Menschen und Hominiden nach Gattung und Art
PALÄO UPDATE
Madagaskar reloaded. Erste Jagd schon vor 10.500 Jahren
Ein Experte ist ein Mann, der hinterher genau sagen kann, warum seine Prognose nicht gestimmt hat.
Winston Churchill
PALÄO CLASSICS - 1868
Cro Magnon Mensch
Foto: Neanderthal Museum, Daniela Hitzemann, CC BY-SA 4.0 Lizenz
Erste Europäer - Louis Lartet entdeckt in Frankreich den Cro Magnon Menschen
PALÄO CLASSICS - 2002
Sahelanthropus tchadensis
Foto: © Tim Evanson, CC BY-SA 2.0 Lizenz
Sahelanthropus. Der älteste Hominide? Oder doch nur ein Menschenaffe?
Eine Mutation machte den Menschen zum besten Läufer der Welt

Diese Beiträge könnten Sie ebenfalls interessieren

Am Anfang war der Fisch. Warum die frühen Japaner sesshaft wurden
Weichbirne vs. Dickkopf. Die Weichbirne hat sich durchgesetzt
X