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Gemeinsamer Vorfahre: Wann und wo lebte der Neandersapiens?

Gemeinsamer Vorfahre: Wann und wo lebte der Neandersapiens?
Britische Forscher haben versucht, den letzten gemeinsamen Vorfahren von Neandertaler und Homo sapiens zu rekonstruieren.
Grafik: © Universität Cambridge
Neandertaler und Homo sapiens stammen von einem gemeinsamen Vorfahren ab. Da sind sich die Paläoanthropologen weitestgehend einig. Doch wann und wo die Aufspaltung in zwei neue Menschenarten stattfand und wer der letzte gemeinsame Vorfahre war, ist bis heute ein Rätsel.
Ist doch ganz klar, werden jetzt einige sagen, Neandertaler und Homo sapiens stammen vom Urmenschen Homo erectus ab. Und das hat sicherlich seine Berechtigung. Aber der Homo erectus hat sich gegen Ende seiner "Karriere" in eine Vielzahl lokaler Unterarten aufgespalten - Homo antecessor, Homo pekinensis, Homo heidelbergensis, Homo rhodesiensis. Doch keine dieser fossil belegten Menschenformen weist anatomische oder genetische Merkmale auf, die vermuten lassen, dass es sich um den letzten direkten gemeinsamen Vorfahren von Neandertaler und Homo sapiens handeln könnte.

Genetische Studien und Vermischung

Fangen wir mal mit der Genetik an. Analysen der Zellkern-DNA von Neandertalern und modernen Menschen haben ergeben, dass die Aufspaltung in zwei Arten vor 550.000 bis 750.000 Jahren stattfand. Doch aus den Genen der mitochondrialen DNA (mtDNA) lässt sich ein anderes Datum herauslesen. Danach ereignete sich die Trennung erst vor 400.000 Jahren.
Lange konnte man sich diese Diskrepanz nicht erklären. Doch dann analysierten Genetiker des Max Planck Instituts für Menschheitsgeschichte in Jena das Erbgut eines Neandertalers, der vor 125.000 Jahren in der Schwäbischen Alb gelebt hatte. Und dessen Vorfahren, so die Forscher, müssen sich vor 300.000 Jahren mit Menschen aus Afrika vermischt haben, die zwar noch nicht Homo sapiens waren, aber so etwas wie eine Vorstufe zum Homo sapiens.
Archäogenetiker Cosimo Posth: "Ob das unsere Vorfahren sein könnten, wissen wir nicht. Aber sie waren den modernen Menschen sehr ähnlich."

Ein langer fließender Prozess

Wie es aussieht, war der Übergang vom Last Common Ancestor, wie er im Wissenschafts-Englisch genannt wird, zu Neandertaler und Homo sapiens ein langer fließender Prozess. Und das Neandertaler-Fossil aus der Schwäbischen Alb belegt, dass sich Prä-Neandertaler und Prä-Sapiens noch regelmäßig begegnet sind und gemeinsamen Nachwuchs gezeugt haben, bevor die Aufspaltung in zwei Arten abgeschlossen war.
Wie und wo diese Begegnungen stattfanden, darüber kann man nur spekulieren. Vorstellbar ist, dass immer wieder afrikanische Populationen nach Europa eingewandert sind, wo sie auf die Vorfahren der Neandertaler trafen. Denkbar ist aber auch, dass diese Vermischung noch in Afrika stattfand, bevor sich die Vorfahren der Neandertaler nach Europa ausgebreitet haben.

Rekonstruktion eines virtuellen Schädels

Morphologisch-anatomisch gesehen fand die Aufspaltung in Neandertaler und Homo sapiens vor 700.000 Jahren statt. Zu diesem Ergebnis kommen Anthropologen der Universität Cambridge.
Dr. Aurelien Mounier und seine Kollegen haben 797 morphometrische Merkmale von Neandertaler und Homo sapiens miteinander kombiniert und daraus ein virtuelles Schädelfossil erstellt, das dem gemeinsamen Vorfahren ähnlich sehen soll (Foto oben).
Anschließend verglichen sie dieses 3-D-Modell mit echten Schädelfossilien aus der Zeit vor 1,6 Millionen Jahren bis ins Mittelalter. Und die größte Übereinstimmung mit dem "Neandersapiens" fanden sie bei Fossilien aus der Zeit vor 700.000 Jahren.

Aufspaltung in zwei Arten vor 700.000 Jahren

Nimmt man all diese Forschungsergebnisse zusammen, dann zeichnet sich ab, dass die Aufspaltung in Neandertaler und Homo sapiens vor etwa 700.000 Jahren begann. Demzufolge muss der letzte gemeinsame Vorfahre in der Zeit vor 800.000 bis 900.000 Jahren gelebt haben. Doch dummerweise gibt es aus dieser Zeit nur ganz wenige europäische und afrikanische Fossilien.
Warum diese auffällige Lücke im Fossilbestand klafft, ist unklar. Vielleicht hatten die Paläoanthropologen bislang nur Pech. Vielleicht lag es aber auch an einem großen Massenaussterben, das sich vor 1,2 Millionen Jahren ereignete. Glaubt man einer genetischen Studie aus dem Jahr 2010 (Huff, Xing, Rogers), dann durchlief die Menschheit damals einen genetischen Flaschenhals, den nur 18.500 Menschen überlebt haben. Neandertaler und Homo sapiens könnten also von einer winzig kleinen Population abstammen, von der wir bislang keine Fossilien gefunden haben und von der wir möglicherweise auch niemals einen Knochen finden werden.

Homo antecessor und Homo heidelbergensis waren es nicht

Die einzige gut dokumentierte europäische Menschenform aus der Zeit vor 800.000 bis 900.000 Jahren ist der Homo antecessor, dessen Fossilien man in Nordspanien gefunden hat. Seine Entdecker glauben, dass es sich um den gemeinsamen Vorfahren von Neandertaler und Homo sapiens handeln könnte. Doch renommierte Forscher wie Jeffrey H. Schwartz und Ian Tattersall bezweifeln das. Der Homo antecessor besitzt ihrer Meinung nach zu wenige moderne anatomische Merkmale, die in Richtung Neandertaler und Homo sapiens verweisen.
Auch der Homo heidelbergensis, der vor 500.000 Jahren im europäischen Fossilbestand auftaucht, kann es nicht gewesen sein. Dafür ist er zu jung. Außerdem besitzt er zu viele ursprüngliche Merkmale, um auch der Vorfahre des Homo sapiens gewesen zu sein. Zu diesem Urteil kommt zumindest Heidelbergensis-Experte Chris Stringer vom Natural History Museum in London. Er vermutet, dass noch ein evolutionäres Bindeglied fehlt.
Fazit: Es gibt eine Menge genetischer Hinweise, dass sich die Linien von Neandertaler und Homo sapiens vor etwa 700.000 Jahren getrennt haben. Und die meisten Forscher gehen davon aus, dass das in Afrika geschah. Doch Fossilien, die das belegen, hat man bislang nicht finden können. Der letzte gemeinsame Vorfahre von Neandertaler und Homo sapiens bleibt ein Phantom.
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