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Von wegen Essensreste. Das waren spirituelle Musikinstrumente

Von wegen Essensreste. Das waren spirituelle Musikinstrumente
Haben die Paläoindianer Schildkröten nur gegessen oder mit ihren Panzern spirituelle Musik gemacht? Zwei US-Forscher haben eine interessante Theorie aufgestellt.
Foto: © Andrew Gillreath-Brown
Die amerikanischen Ureinwohner, die den Kontinent vor etwa 11.000 Jahren besiedelten und die man als Paläoindianer bezeichnet, hatten offenbar ein Faible für Schildkröten. Denn in fast allen archäologischen Fundstätten in Nordamerika haben sie nicht nur Pfeilspitzen hinterlassen, sondern auch Bruchstücke von Schildkrötenpanzern.
Bislang hat man diese Schildkröten-Fossilien als Essensreste gedeutet. Doch Professor Tanya Peres und ihr Kollege Andrew Gillreath-Brown von der Florida State Universität glauben, dass es sich um prähistorische Musikinstrumente handelte, die für die amerikanischen Ureinwohner eine besondere spirituelle Bedeutung hatten.

Keine Essensreste. Das waren Musikinstrumente

Tanya Peres und Andrew Gillreath-Brown sind auf die Schildkrötenpanzer aufmerksam geworden, als ihnen auffiel, dass man fast überall in Nordamerika, wo Forscher auf menschliche Überreste und Werkzeug-Artefakte gestoßen sind, auch Schildkrötenpanzer gefunden hat. Doch die meisten Forscherteams schenkten diesen Funden wenig Aufmerksamkeit. Sie hielten sie für Essensreste. Doch das könnte falsch gewesen sein.
Nach der Untersuchung zahlreicher Schildkrötenpanzer kommen Peres und ihr Kollege Gillreath-Brown zu dem Ergebnis, dass die Knochenpanzer dieser Reptilien wahrscheinlich nicht von einer prähistorischen Mahlzeit stammen, sondern dass sie als Rasseln und Schlaginstrumente genutzt wurden, um damit Musik zu machen. Darauf deuten Löcher hin, die hingebohrt wurden, und Bruchstellen, die wahrscheinlich durch das Trommeln und Schütteln entstanden sind.

Musik mit besonderer spiritueller Bedeutung

Peres und Gillreath-Brown gehen aber noch einen Schritt weiter. Sie glauben, dass die Schildkrötenpanzer nicht nur Musikinstrumente waren, sondern auch eine tiefere spirituelle Bedeutung hatten. Mit ihnen zu musizieren und zu diesen Klängen zu tanzen, war Teil einer prähistorischen Geisteswelt, in der der Schildkröte eine besondere Bedeutung zukam. Auf dem Rücken der Schildkröte ruhte der "Weltenberg" und sie war ein Symbol für Unsterblichkeit.
Tanya Peres: "Musik war ein fester Bestandteil aller archaischen Kulturen. Und zwar auf eine Art und Weise, die wir heute nicht mehr verstehen. Es ging nicht nur um Musik und Tanz, sondern alles, was diese Menschen taten, hatte auch eine tiefere Symbolik."

Tierknochen genauer unter die Lupe nehmen

Die beiden Floria State-Forscher regen in ihrer Studie an, dass alle Archäologen diesen Aspekt im Blick behalten, wenn sie künftig Fundstellen untersuchen. Denn was auf den ersten Blick wie ein weggeworfener Essensrest aussieht, könnte für prähistorische Menschen eine ganz andere Bedeutung gehabt haben.
"Musikinstrumente sind tief in der menschlichen Kultur verankert und mit Bedeutungen codiert, die über das reine Musikmachen hinausgehen", sagt Tanya Peres. "Und wir Forscher sollten diesem Aspekt mehr Aufmerksamkeit schenken."
Andrew Gillreath-Brown fügt hinzu: "Es ist wichtig, zu untersuchen und zu verstehen, wozu prähistorische Überreste von Tieren - neben der Nutzung als Nahrung - noch gedient haben könnten."
Man muss abwarten, wie andere Forscher diese Neudeutung der amerikanischen Schildkrötenpanzer bewerten. Allerdings ist bekannt, dass die Schildkröte in vielen archaischen Kosmogonien (Erklärungsmodelle über die Entstehung der Welt) eine besondere Rolle spielte. Außerdem weiß man von den Azteken, den neolithischen Chinesen und von den alten Griechen, dass sie Schildkrötenpanzer als Musikinstrumente nutzten.
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