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Hatten der Homo sapiens und die Neandertaler wirklich Sex?

Hatten der Homo sapiens und die Neandertaler wirklich Sex?
Die Neandertaler und der moderne Mensch haben sich vermischt, sagen Svante Pääbo und sein Team. Doch ist das wirklich zweifelsfrei bewiesen?
Foto: © Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie
Im Jahr 2010 machten Genetiker des Max Planck Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig eine sensationelle Entdeckung. Im Erbgut heutiger Europäer und Asiaten fanden sie Gen-Sequenzen, die offenbar vom Neandertaler stammen. Und weil heutige Afrikaner diese Gene nicht besitzen, schlossen sie daraus, dass sich der Homo sapiens während seiner Ausbreitung nach Asien und Europa mit den Neandertalern vermischt hat. Die beiden Menschenarten hatten Sex und zeugten Nachwuchs, so die Forscher.

Steinzeit-Sex oder Gene eines gemeinsamen Vorfahren?

Homo sapiens und Neandertaler haben sich vermischt. So steht es inzwischen in allen Lehrbüchern. Allerdings wird dabei meist unterschlagen, dass es noch eine alternative Erklärung für die vermeintlichen Neandertaler-Gene im Erbgut heutiger Europäer und Asiaten gibt. Es könnte sich um Gen-Sequenzen handeln, die beide Menschenarten von einem gemeinsamen Vorfahren geerbt haben.
Schon kurz nach der Erstveröffentlichung der sensationellen Gen-Studie meldeten sich einige US-amerikanische Genetiker zu Wort, die auf diese Option hinwiesen. Und auch Svante Pääbo, Direktor des MPI für evolutionäre Anthropologie in Leipzig, räumte bei der Vorstellung der Forschungsergebnisse ein, dass diese Möglichkeit besteht. Allerdings fügte er gleich hinzu, dass er die sexuelle Vermischung für die plausibelste Erklärung hält.

Cambridge-Forscher widersprechen

Ist eine plausible Erklärung ein definitiver Beweis? Nein. Und so bleiben Restzweifel, ob es die sexuelle Vermischung von Homo sapiens und Neandertalern wirklich gegeben hat. Eine von Genetikern der britischen Universität Cambridge veröffentlichte Studie kommt jedenfalls zu dem Ergebnis, dass die DNA-Überlappung zwischen Neandertalern und modernen Menschen höchstwahrscheinlich von einem gemeinsamen Vorfahren stammt und nicht das Resultat steinzeitlicher Bettgeschichten ist.
Es gibt weitere Forschungsergebnisse, die das Vermischungsszenario zumindest in Frage stellen. So hat die Analyse der mitochondrialen DNA (mtDNA) eines Neandertalers ergeben, dass sich dessen Vorfahren bereits vor 270.000 Jahren mit Menschen aus Afrika vermischt haben müssen. Und dieses frühe Datum will so gar nicht zur Theorie passen, dass Neandertaler und Homo sapiens erst vor 50.000 oder 100.000 Jahren Sex hatten.

Neandertaler-Gene bei Afrikanern

Doch was weit schwerer wiegt: Inzwischen hat man mehrere der Gensequenzen, die Europäer und Asiaten vom Neandertaler geerbt haben sollen, auch bei einigen afrikanischen Stämmen (Yoruba, Esan, Mende) nachweisen können. Und die Genetiker mussten sich ganz schön verbiegen, um das zu erklären.
Angeblich hat der Homo sapiens diese Gene bei seiner Auswanderung aus Afrika "verloren" und bekam sie dann bei der sexuellen Vermischung mit dem Neandertaler zurückvererbt. Den guten William von Ockham hätte diese Erklärung wahrscheinlich nicht überzeugt und er hätte umgehend sein berühmtes Rasiermesser gezückt.

Durchaus plausibel, aber nicht bewiesen

Wir wollen den Leipziger Forschern nicht Unrecht tun. Vielleicht liegen sie mit ihrer Vermischungstheorie ja goldrichtig. Es handelt sich tatsächlich um ein plausibles Szenario. Allerdings gibt es da noch diese alternative Erklärung. Es könnte sich bei den vermeintlichen Vermischungsgenen auch um DNA handeln, die Neandertaler und Homo sapiens von einem gemeinsamen Vorfahren geerbt haben. Und solange diese Möglichkeit nicht ausgeschlossen werden kann, bleibt das Sex-Szenario - sorry Leute - eine Theorie, die erst noch bewiesen werden muss.
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