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Die "Vergessene Welt" Sokrota und ihre uralten Werkzeug-Artefakte

Die Vergessene Welt Sokrota und ihre uralten Werkzeug-Artefakte
Luftansicht der Insel Sokrota. Russische Forscher haben dort massenhaft Steinwerkzeuge gefunden, die über 1 Million Jahre alt sein sollen.
Die kleine Insel Sokrota im Indischen Ozean, die politisch zum arabischen Staat Yemen gehört, ist ein ungewöhnlicher Ort. Wissenschaftler haben dort nicht nur unzählige Tiere und Pflanzen gefunden, die es nirgendwo sonst auf der Welt gibt, sondern auch Faustkeile und Schaber, die 1,0 bis 1,5 Millionen Jahre alt sind. Und das, obwohl es nach heutigem Wissensstand seit 20 Millionen Jahren keine Landverbindung zu dieser "Vergessenen Welt" gibt.
Auf Sokrota, das 362 Kilometer vor der Arabischen Halbinsel liegt, existieren bis heute über 200 Tier- und Pflanzenarten, die es nur dort gibt. Das zeugt von einer langen Isolation der Insel vom Festland. Und so staunte die Fachwelt nicht schlecht, als russische Forscher dort in den Jahren 2008 bis 2010 massenhaft Steinwerkzeuge fanden, die bis dato unbeachtet auf der Erdoberfläche herumgelegen hatten.

Uralte Steinwerkzeuge der Oldowan-Kultur

Nach Angaben des russischen Forscherteams gehören die auf Sokrota entdeckten Werkzeug-Artefakte zur Oldowan-Kultur, also zu einer uralten, noch recht schlichten Werkzeugtechnologie, die in Afrika in der Zeit vor 2,6 bis 1,5 Millionen Jahren verbreitet war. Und seither wird darüber gerätselt, wie diese Werkzeuge auf die Insel gelangt sind und welche Menschenart sie hinterlassen hat.
Da es sich bei allen Werkzeug-Artefakten um Oberflächenfunde handelt, ist eine exakte Datierung schwierig. Allerdings glaubt Dr. Alexander Sedov vom Staatlichen Museum für Orientalische Kunst in Moskau, dass sie zwischen 1,0 und 1,5 Millionen Jahre alt sind.
Sollte das stimmen, dann wirft das viele Fragen auf. Ist schon der Urmensch Homo erectus mit Schiffen auf die Insel gelangt? War der Meeresspiegel doch mal so niedrig, dass Insel-Hopping (kurzfristige Landverbindungen zwischen mehreren kleinen Inseln) möglich war? Oder wurden die Steinwerkzeuge erst viel später von modernen Menschen hinterlassen, die sich nie genötigt sahen, eine modernere Werkzeug-Kultur zu entwickeln? Womit wir wieder beim Stichwort "Vergessene Welt" wären.

Die Argumente der Kritiker

Die primitive Werkzeug-Technologie von Sokrota ist in der Fachwelt umstritten. So gibt es Forscher, die sagen: "Nicht alles, was alt aussieht, ist auch alt." Sie argumentieren, dass die Funde wahrscheinlich deutlich jünger sind und von modernen Menschen hinterlassen wurden, die die Insel erst in der Antike besiedelt haben. Schließlich kenne man mehrere Kulturen, die neben modernen Werkzeugen auch einfachere "Tools" hinterlassen haben. Die Spitzentechnologie kam nur zum Einsatz, wenn es notwendig war. Für einfache Tätigkeiten reichten auch einfache Werkzeuge.
Die russischen Forscher stimmen dem zwar grundsätzlich zu, doch sie halten dagegen, dass man bei all diesen Kulturen stets "gemischte Inventare" aus modernen und alten Steinwerkzeugen gefunden hat. Und das ist auf Sokrota nicht der Fall. Alle Werkzeug-Artefakte gleichen dem aus Afrika bekannten Oldowan und scheinen sehr alt zu sein.

Weitere seltsame Werkzeugfunde auf anderen Inseln

Sokrota ist zwar einzigartig, aber kein Einzelfall. So haben Archäologen und Geologen auf mehreren Mittelmeerinseln (Kreta, Naxos, Kefalonia, Zakynthos) Steinwerkzeuge ausgegraben, die zwischen 130.000 und 170.000 Jahre alt sind. Und das, obwohl diese Inseln erst viel später besiedelt wurden und es nie eine Landverbindung nach Südeuropa oder Nordafrika gab.
In die gleiche Kategorie fallen die indonesischen Inseln Flores und Sulawesi. Auch dort hat man Steinwerkzeuge ausgegraben, die bis zu 1 Million Jahre alt sind. Außerdem hat man auf Flores menschliche Fossilien gefunden, die aus der Zeit vor 700.000 Jahren stammen. Diese Funde wurden zwar noch keiner Menschenart zugeordnet, doch es könnte sich um die Vorfahren des 2003 entdeckten Zwergmenschen Homo floresiensis handeln, der bis vor 60.000 Jahren auf der Insel gelebt hat.

Die Inselfunde bleiben rätselhaft

Die uralten Werkzeug-Artefakte auf Sokrota, Flores, Kreta und Co. bleiben rätselhaft, denn alle stammen aus einer Zeit, als die Inseln "offiziell" noch nicht besiedelt waren. Und bislang hat kein Forscher eine überzeugende Theorie entwickelt, die dieses Phänomen erklärt.
Die interessanteste Spur liefert noch die Insel Flores mit ihren menschlichen Überresten. Schließlich weist der dort entdeckte Homo floresiensis anatomische Merkmale auf, die an Frühmenschen erinnern, die vor über 2,2 Millionen Jahren in Afrika gelebt haben. Hat also schon eine sehr alte, sehr ursprüngliche Menschenart Afrika verlassen und die Inseln besiedelt? Und falls ja, wie sind diese kleinen Frühmenschen mit ihren winzigen Gehirnen dorthin gelangt? Denn kaum ein Forscher traut ihnen zu, Schiffe gebaut und das Meer überquert zu haben.
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