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Weichbirne vs. Dickkopf. Die Weichbirne hat sich durchgesetzt

Weichbirne vs. Dickkopf. Die Weichbirne hat sich durchgesetzt
Dr. Amelie Beaudet hat bei der Analyse von Australopithecus- und Paranthropus-Schädeln eine überraschende Entdeckung gemacht.
Foto: © University of Witwatersrand
Die weiche Knochenstruktur eines 4 Millionen Jahre alten Hominiden-Schädels, den man in Südafrika gefunden hat, ist der heutiger Menschen viel ähnlicher als der harte Schädel eines Paranthropus. Zu diesem Ergebnis kommen Forscher der südafrikanischen Universität Witwatersrand, nachdem sie den sogenannten Janovec-Schädel gescannt, digital rekonstruiert und mit anderen Hominiden verglichen haben.
Möglicherweise machte die Beschaffenheit der Schädelknochen den kleinen, aber entscheidenden Unterschied aus, warum sich der Australopithecus zum großhirnigen Menschen weiterentwickelte und der Paranthropus in einer evolutionären Sackgasse endete.

Ältester Hominide Südafrikas

Das Fossil StW 578 wurde 1995 in der Janovec Höhle in Sterkfontein ausgegraben. Und das Alter wurde auf etwa 4 Millionen Jahre datiert. Damit handelt es sich um den ältesten Hominiden-Fund aus dieser Region Afrikas. Allerdings konnte man den Schädel keiner bekannten Art zuordnen. Man nimmt aber an, dass es sich um einen Australopithecus handelte.
Dr. Amelie Beaudet und ihre Kollegen von der Universität Witwatersrand haben das Schädelfossil noch einmal aus den Archiven geholt, mit modernster CT-Technik gescannt, im Computer ein virtuelles Modell erstellt und sich dann Querschnitte der Schädelknochen angeschaut. Und dabei machten sie eine überraschende Entdeckung.

Hoher Anteil weicher Knochensubstanzen

Der Schädelknochen von StW 578 weist einen hohen Anteil von trabekulärer Substanz auf, schreiben die Forscher im Fachmagazin Journal of Human Evolution. Dabei handelt es sich um eine poröse, schwammartige Knochenstruktur, die nicht so fest ist wie der (feste) kortikale Knochen. Und der Janovec-Schädel weist einen ähnlich hohen Anteil dieser weichen Knochensubstanz auf wie die Schädel heutiger Menschen.
Ein ganz anderes Bild ergab sich, als Amelie Beaudet und ihre Kollegen den Schädel eines Paranthropus analysierten. Dabei handelt es sich um einen ausgestorbenen Seitenarm der Australopithecinen, der mit der Evolution des Menschen nichts zu tun hatte und in einer evolutionären Sackgasse endete. Dieser Schädel wies deutlich weniger weiche Knochenbestandteile auf, war also massiver und härter.

Der Schädel des Paranthropus war härter

Dr. Amelie Beaudet: "Der Schädel des Janovec-Exemplars und auch die Schädel einiger anderer Australopithecus-Fossilien aus Sterkfontein bestehen im Wesentlichen aus schwammigen Knochen. Dies könnte darauf hindeuten, dass der Blutfluss im Gehirn von Australopithecus ähnlich war wie beim heutigen Menschen und dass die Knochenstruktur des Schädels eine wichtige Rolle für die Evolution des Gehirns gespielt hat."
Beaudet weiter: "Der Paranthropus-Schädel dagegen bestand im Wesentlichen aus kompakten Knochen. Dies deutet darauf hin, dass es sich um eine ganz andere biologische Entwicklung handelte."

Auswirkungen auf das Hirnwachstum

Fassen wir also mal zusammen: Der Australopithecus, der von den meisten Paläoanthropologen als Vorfahre des Menschen eingeordnet wird, hatte eine Weichbirne. Der Paranthropus dagegen, der kein menschlicher Vorfahre war, besaß einen Dickschädel.
Dass der Mensch ein so großes Gehirn entwickeln konnte, verdankt er also möglicherweise der Weichbirne des Australopithecus. Denn dessen poröse Knochenbestandteile waren in der Lage, sich dem Hirnwachstum anzupassen. Das Gehirn des Paranthropus dagegen war in einen beinharten Knochenkäfig eingesperrt, der offenbar verhinderte, dass sein Gehirn größer wurde.
Hübsche und durchaus plausible Theorie. Allerdings darf man nicht vergessen, dass der Paranthropus erst vor 2,7 Millionen Jahren entstanden ist. Und nach allem, was wir wissen, stammt er wie der Mensch von einem Australopithecus ab. Die Aufspaltung in Weichbirnen und Dickköpfe muss also früher stattgefunden haben. Aufschluss darüber könnte die Untersuchung von Australopithecus-Fossilien aus Ostafrika liefern. Und genau das haben Amelie Beaudet und ihre Kollegen jetzt vor.
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