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Gen-Genie findet das Experiment mit den China-Zwillingen okay

Gen-Genie findet das Experiment mit den China-Zwillingen okay
Ist es ethisch vertretbar, das menschliche Erbgut mit der Genschere CRISPR zu verändern? Ja, sagt Georg Church, einer der führenden Genom-Experten auf unserem Planeten.
Foto: © MaynardClark, CC BY-SA 4.0 Lizenz
VOLL GENETISCH Der chinesische Genetiker He Jiankui hat das Erbgut von Zwillingen (zwei Mädchen) mit der sogenannten Genschere (CRISPR) verändert, um sie gegen das Aids-Virus zu immunisieren. Es ist der erste Eingriff dieser Art beim Menschen. Und der öffentliche Aufschrei ist groß.
Der chinesische Forscher muss viel Kritik einstecken und es gibt sogar Ermittlungen der chinesischen Behörden gegen ihn. Der allgemeine Tenor lautet: Das war viel zu früh, die Risiken sind unabsehbar, He Jiankui hat ethisch und moralisch unverantwortlich gehandelt.

Gen-Editing ist nicht grundsätzlich verboten

Professor George Church, Evolutionsbiologe an der Harvard Medical School und einer der Vordenker der modernen Genetik (der Schriftsteller Richard Powers hat ihn mal als "Thomas Edison der Genom-Forschung" bezeichnet), sieht den Fall deutlich entspannter. Er hält die mediale Aufregung für extrem und übertrieben.
"Das Schlimmste, was ich gehört habe, ist, dass He Jiankui seinen Papierkram nicht richtig erledigt hat. Aber er wäre nicht die erste Person, die ihren Papierkram schlecht erledigt", sagte Church dem Science Insider, einem Ressort des Fachmagazins Science.
Obwohl viele Menschen glauben, es gebe beim Gen-Editing so etwas wie ein weltweites Moratorium, sei das nicht der Fall, so Church. Man muss lediglich formale Bedingungen erfüllen und eine lange Checkliste abarbeiten, um solche Gen-Experimente durchführen zu dürfen. He Jiankui habe das getan, dabei aber wohl Fehler gemacht.

Diese Babys werden nicht sterben

Dass man solche Experimente früher oder später am Menschen durchführt, hält Church für ganz normal. Irgendwann habe man eben hunderte Tierstudien abgeschlossen und auch mit menschlichen Embryonen experimentiert und dann sei der Zeitpunkt gekommen, Versuche mit Menschen durchzuführen. Dass es dabei gewisse Risiken gibt, sei unvermeidlich.
Die Gefahr, dass der genetische Eingriff Schaden im Erbgut der chinesischen Zwillinge angerichtet haben könnte, hält Church für sehr gering. Man habe bereits Schweine und Mäuse gentechnisch verändert und keine negativen Konsequenzen beobachtet. "Ich rechne nicht damit, dass diese Kids sterben werden", sagt Church süffisant.

Genschere produziert doch Fehler

Also viel Wind um nichts? Wer weiß. Immerhin haben Genetiker des renommierten Sanger Instituts in Cambridge festgestellt, dass die Genschere CRISPR nicht so präzise arbeitet, wie man anfangs dachte. Es kann zu Gen-Verlusten und zur Verlagerung ganzer Gen-Sequenzen kommen, sagen die britischen Forscher. Verantwortlich dafür sind die natürlichen Reparatur-Mechanismen der DNA, die versucht, das durchtrennte Erbgut wieder zu verbinden. Wie gefährlich das ist, muss noch erforscht werden.
George Church zählt zu den Pionieren der Genom-Forschung und hat viel dazu beigetragen, dass man heute in der Lage ist, DNA zu sequenzieren. Er hat mehrere hundert wissenschaftliche Arbeiten veröffentlicht, gehört zu den meistzitierten Forschern unseres Planeten und wird von der Nachrichtenagentur Reuters als heißer Kandidat auf den Nobelpreis gehandelt.

Leihmutter für Neandertaler gesucht

Im Jahr 2013 sorgte George Church für weltweite Schlagzeilen, als mehrere Medien berichteten, er wolle einen Neandertaler-Embryo klonen und von einer menschlichen Leihmutter austragen lassen. George Church wurde damals von der Presse zum Dr. Frankenstein hochstilisiert, der einen "Paläolithic Park mit schrecklichen Kreaturen" erschaffen wolle.
Church musste einen ähnlichen "Shitstorm" über sich ergehen lassen wie jetzt He Jiankui. Doch es handelte sich um eine Zeitungsente. Ein Redakteur hatte Zitate aus einem Interview und Sätze aus Church's Buch "Regenesis" ziemlich missverständlich zusammengewürfelt. Und der Rest der Weltpresse schrieb bei ihm ab.
Die Sache hatte einen interessanten Nebeneffekt. Sofort meldeten sich mehrere Frauen bei Church, die ihre Bereitschaft signalisierten, das Neandertaler-Baby auszutragen. Sollte es also doch mal dazu kommen, dann wird es Church ... äh sorry ... den Forschern nicht an Leihmüttern mangeln.
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Stephen Jay Gould

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