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Sind die Denisovas nur so etwas wie ein genetisches Phantom?

Sind die Denisovas nur so etwas wie ein genetisches Phantom?
Gab es gar keine Denisovas? Handelte es sich um Neandertaler, die sich in Sibirien mit einer ursprünglichen Menschenart vermischt haben?
Symbolfoto: © Ryan Somma, CC BY-SA 2.0 Lizenz
QUER GEDACHT Die Denisovas waren ein komisches Völkchen. Obwohl man bislang nur drei Knöchelchen und zwei Zähne dieser geheimnisvollen Menschenart gefunden hat, haben sie genetische Spuren im Erbgut von Neandertalern, Asiaten, Melanesiern und australischen Aborgines hinterlassen. Der moderne Mensch Homo sapiens muss sich also auf seiner langen Reise nach Südostasien und Australien mit den Denisovas vermischt haben.
Die gängige Lehrmeinung lautet, dass die Denisovas ein Schwester-Taxon der Neandertaler waren, von dessen Linie sie sich vor 640.000 Jahren abgespalten haben. Wahrscheinlich lebten sie in vielen Regionen Asiens. Und immer mehr Forscher neigen dazu, sie als eigenständige Menschenart zu akzeptieren.
Doch es gibt auch Skeptiker. Der Anthropologe Yousuke Kaifu von der Universität Tokio zum Beispiel hält es für möglich, dass es überhaupt keine Denisovas gab, sondern dass es sich dabei um ein genetisches Phantom handelt.

Die Bonobos der Gattung Homo

Die Theorie, dass sich die Denisovas von den europäischen Neandertalern abgestalten und zu einer eigenständigen Menschenart entwickelt haben, die sich nach Asien und Melanesien ausbreitete und dort mit dem modernen Menschen Homo sapiens vermischt hat, kann Yousuke Kaifu nicht überzeugen. Denn wenn dem so wäre, dann müssten alle Denisova-Gene, die man im Erbgut heutiger Asiaten und Melanesier gefunden hat, mit denen der Denisova-Menschen aus dem Altai-Gebirge identisch sein. Sind sie aber nicht.
Mehrere Studien der letzten Jahre haben gezeigt, dass sich die Denisova-Gene, die man im Altai-Gebirge, auf dem asiatischen Festland und in Melanesien (pazifische Inselgruppe nordöstlich von Australien) gefunden hat, voneinander unterscheiden.
Einige Forscher glauben, dass sich das mit drei unterschiedlichen Vermischungszenarien erklären lässt. In Südsibirien haben sich die Denisova-Menschen mit dem Neandertaler vermischt, in Südostasien und in Melanesien zweimal mit dem Homo sapiens. Die Denisovas waren also ein sehr paarungssfreundliches Völkchen. So etwas wie die Bonobos der Gattung Homo.

Waren die Denisovas nur Neandertaler?

Yousuke Kaifu scheint das nicht zu überzeugen. Im Fachmagazin Current Anthropology hat er eine alternative Theorie zur Diskussion gestellt. Und die hat es in sich.
Kaifu hält es für möglich, dass es die Denisovas als biologische Art überhaupt nicht gab. Es soll sich um Neandertaler gehandelt haben, die sich mit einer archaischen Menschenart vermischt haben. Wahrscheinlich geschah das, als sich die ersten europäischen Neandertaler nach Südsibirien ausbreiteten.
Damit würden die 40.000 bis 50.000 Jahre alten Fossilien, die man in der Denisova-Höhle gefunden hat, gar nicht von Denisovas und Neandertalern stammen, sondern ausschließlich von Neandertalern. Allerdings unterscheiden sich ein paar Prozent ihrer Gene, weil einige von ihnen zuvor mit einer ursprünglichen Menschenart das Bett geteilt und Nachwuchs gezeugt haben.

So könnte es sich abgespielt haben

Stellen wir uns das mal bildlich vor. Einige Neandertalergruppen erreichen Südsibirien, wo noch Urmenschen leben - möglicherweise Homo heidelbergensis oder Homo erectus. Sie zeugen gemeinsamen Nachwuchs und vermischen sich.
Später folgen weitere Neandertaler aus Europa. Doch da sind die Urmenschen schon ausgestorben. Allerdings gibt es noch die Neandertaler, die sich zuvor mit dem archaischen Menschentypus vermischt haben. Und die haben ein paar Prozent Urmenschen-DNA in ihren Genen.
Sollte das zutreffen, dann haben vor 40.000 bis 50.000 Jahren nicht Denisovas und Neandertaler in der gleichen Höhle gelebt, sondern ausschließlich Neandertaler - allerdings waren einige davon "Neandertaler pur" und andere nicht.
Später tauchte dann der Homo sapiens auf, vermischte sich mit den sibirischen Neandertalern und trug sowohl die Urmenschen-Gene als auch die "reinen" Neandertaler-Gene nach Asien und Melanesien.

Zähne wie Homo erectus oder Homo habilis

Zu phantastisch? Vielleicht nicht. Die beiden Denisova-Zähne, die man gefunden hat, unterscheiden sich deutlich von Neandertaler und Homo sapiens. Ja sogar die Zähne des Homo heidelbergensis, der vor 500.000 bis 300.000 Jahren lebte, weisen modernere Merkmale auf. Die vermeintlichen Denisova-Zähne ähneln am ehesten denen von Homo erectus und Homo habilis. Also uralten Menschenarten. Das könnte passen.
Gab es also überhaupt keine Denisovas? Handelt es sich um ein genetisches Phantom? Stammen die vermeintlichen Denisova-Gene von Neandertalern, die sich mit sibirischen Urmenschen vermischt haben?

Neue Menschenart? Lieber nicht

Wie gesagt, die Denisovas waren ein komisches Völkchen. Was wir über sie wissen, füllt gerade mal eine Pralinenschachtel. Im Grunde wissen wir nicht einmal, ob es sie überhaupt gab. Das einzige, was wir wissen, ist, dass es im Erbgut von Neandertaler und Homo sapiens ein paar Sequenzen Fremd-DNA gibt, deren Herkunft wir noch nicht verstehen.
Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, dass sich sowohl Genetiker als auch Paläoanthropologen scheuen, die neue Menschenart Homo altaiensis (das wurde mal diskutiert) aus der Taufe zu heben. Ohne Fossilfunde, die die Existenz des Denisova-Menschen zweifelsfrei belegen, macht das auch keinen Sinn.
Miguelon war weder Homo heidelbergensis noch Neandertaler
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EVOLUTION & MEINUNG

Darwin konsequent gedacht. Vielleicht stammt ja der Affe vom Menschen ab.
Paulus Terwitte

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