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Schädelform: Wieviel Neandertaler steckt eigentlich in ihrem Kopf?

Schädelform: Wieviel Neandertaler steckt eigentlich in ihrem Kopf?
Neandertaler (links) und früher Homo sapiens (rechts) hatten unterschiedliche Schädel. Und die Neandertaler-DNA im heutigen Menschen scheint Einfluss auf seine Kopfform zu haben.
Foto: © Philipp Gunz, CC BY-NC-ND 4.0 Lizenz
NEANDERTALER IM KOPF Jeder heutige Europäer und Asiate hat ein paar Prozent Neandertaler-DNA in seinen Genen. Es handelt sich um die Überreste einer Vermischung beider Menschenarten, die vor über 30.000 Jahren stattfand. Nun haben deutsche und niederländische Forscher herausgefunden, dass diese Gene Einfluss auf die Hirnentwicklung heutiger Menschen haben.
Paläoanthropologen und Genetiker des Max-Planck-Instituts für Psycholinguistik in Nijmegen und des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig haben Daten von fossilen Schädeln, Gehirnscans und genetische Daten miteinander kombiniert und dabei Gene entdeckt, die Einfluss auf die Schädelform heutiger Menschen haben.

Neandertaler-Gene haben Einfluss auf das Gehirn

Zunächst haben die Forscher die Gehirne von 4500 modernen Menschen analysiert. Dabei stellten sie fest, dass sich die Gehirnform und die Schädelform aller modernen Menschen deutlich vom Neandertaler unterscheidet. Allerdings haben sie auch einige Schädel gefunden, die signifikante Abweichungen vom Homo sapiens-Standard aufweisen.
Die Frage lautete nun: Warum unterscheiden sich diese Schädel von anderen modernen Menschen? Warum sehen nicht alle gleich aus? Liegt es möglicherweise an der Neandertaler-DNA, die sie geerbt haben?
Um das herauszufinden, haben die Forscher nach DNA-Fragmenten gesucht, die vom Neandertaler stammen und die Einfluss auf das Gehirn und die Schädelform haben könnten.
Auf den Chromosomen 1 und 18 sind Philipp Gunz, Simon Fisher, Amanda Tilot und ihre Kollegen fündig geworden. Alle modernen Menschen mit ungewöhnlichen Schädelformen besaßen dort ein paar Prozent Neandertaler-DNA. Und diese Neandertaler-Gene scheinen Einfluss auf die Gehirnentwicklung und die Bildung von Nervenzellen beim modernen Menschen zu haben.

Es geht nicht um die Intelligenz

Salopp könnte man es so formulieren: Die meisten heutigen Europäer und Asiaten besitzen den typischen, runden Homo sapiens-Schädel. Doch bei einigen ist er flacher und langgezogen. Und das liegt offenbar an Genen, die ihre Vorfahren vor langer Zeit vom Neandertaler geerbt haben.
"Die Auswirkungen dieser seltenen Neandertaler-DNA-Fragmente sind sehr subtil, aber aufgrund der großen Stichprobengröße nachweisbar", erklärt Simon Fisher.
Allerdings betonen die Forscher, dass diese für einen Homo sapiens ungewöhnlichen Schädelformen nichts über die geistigen Fähigkeiten eines Menschen aussagen. Schließlich sei längst nachgewiesen, dass die Neandertaler nicht dümmer waren als der frühe Homo sapiens und zu ähnlichen Kulturleistungen fähig waren.

Politisch korrekt, aber auch richtig?

Das kann man so sehen, muss man aber nicht. Andere Forscher sind der Meinung, dass sich die Gehirne von Neandertaler und frühem Homo sapiens deutlich unterschieden. Sie sollen anders strukturiert und anders vernetzt gewesen sein, unterschiedliche Stärken und Schwächen besessen haben.
Ob das auch für die modernen Menschen mit "Neandertaler im Kopf" gilt, muss erst noch erforscht werden. Vielleicht verfügen diese Menschen ja über Fähigkeiten (oder Schwächen), die einst nur der Neandertaler besaß. Ein spannendes Thema.
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EVOLUTION & MEINUNG

Es wäre eine Illusion, anzunehmen, dass das, was wir zurzeit wissen, mehr ist als ein winziger Bruchteil der gesamten biologischen Realität.
Michael Denton

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