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Steinzeit-Sex: Kann man da noch von Menschenarten sprechen?

Steinzeit-Sex: Kann man da noch von Menschenarten sprechen?
Macht es angesichts zahlreicher Hybriden-Mischlinge noch Sinn, Menschenarten zu definieren? Das klassische Artenkonzept steht zunehmend in der Kritik.
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HYBRIDISIERUNG DER ARTEN Das klassische Artenkonzept funktioniert nicht mehr. Die Theorie, dass sich unterschiedliche Arten nicht untereinander fortpflanzen können, ist längst widerlegt. Gen-Analysen haben gezeigt, dass sich rund 25 Prozent aller Primaten untereinander paaren und fortpflanzungsfähigen Nachwuchs zeugen können.
Das gilt auch für den Menschen. Die Neandertaler haben sich mit den Denisovas vermischt, der moderne Mensch mit beiden. Und in Afrika hat der frühe Homo sapiens wahrscheinlich noch Nachwuchs mit dem späten Homo erectus gezeugt. Das Ergebnis waren Hybriden, die Gene mehrerer Menschenarten in sich trugen.

Artenübergreifende Vermischung

Falls es noch eines letzten Beweises bedurft hätte, dass Fortpflanzung keine Grenzlinie ist, mit der man die Claims von Arten abstecken kann, dann hat sie Michael Arnold von der Universität Georgia erbracht. Arnold hat festgestellt, dass Pavian-Arten, die genetisch seit mindestens 1,5 Millionen Jahren getrennte Wege gehen und sich anatomisch deutlich voneinander unterscheiden, gesunden fortpflanzungsfähigen Nachwuchs zeugen können.
Alles, was diese Paviane daran hindert, wieder zu einer "Art" zusammenzuwachsen, ist ihr unterschiedliches Sozialverhalten. Einige der sechs Pavian-Arten werden von dominanten Männchen beherrscht, die jeden fremden Nachwuchs töten, andere tolerieren mehrere Männchen, die sich fortpflanzen. Daher gehen sie sich meist aus dem Wege. Aber alle Paviane sind untereinander fortpflanzungsfähig.

Hybridisierung von Menschenarten

Zurzeit ist noch unklar, ob die Hybriden, die Neandertaler und Denisovas sowie Homo sapiens und Neandertaler gezeugt haben, wirklich fortpflanzungsfähig waren. Allerdings haben Genetiker des Max Planck Instituts für evolutionäre Anthropologie Hinweise darauf gefunden, dass zumindest ein Elternteil eines Neandertaler-Denisova-Mischlings bereits ein Hybride war und Gene einer anderen Menschenart in sich trug.
Denny, das Mädchen aus dem Altai-Gebirge, war so etwas wie ein Doppel-Hybrid. Die Mutter war eine Neandertalerin, der Vater ein Denisova - allerdings ein Denisova, dessen Vorfahren sich bereits mit Neandertalern vermischt hatten. Sollte das stimmen, dann konnten auch menschliche Mischlinge gesunden Nachwuchs zeugen.

Hopeful Monsters und die Evolution

Derzeit deutet vieles darauf hin, dass alle Menschenarten von Homo erectus bis Homo sapiens untereinander fortpflanzungsfähig waren. Und da stellt sich die Frage, welchen Einfluss diese Hybriden auf die Evolution des Menschen hatten.
Der deutsche Biologe und Genetiker Richard Goldschmidt hat die Hybriden mal als "Hopeful Monsters" bezeichnet. Er war davon überzeugt, dass Mischlinge einen wichtigen Beitrag dazu leisten, dass sich Arten verändern und neue Arten entstehen.
Das macht durchaus Sinn, denn durch Hybriden wird das Kartenspiel der Gene ständig neu gemischt. Dass Tibeter in 5000 Meter Höhe leben können und die Eskimos der Inuit die klirrende Kälte der Arktis aushalten, verdanken sie Genen, die sie vom Denisova-Menschen geerbt hat. Ohne diese Fremd-DNA hätten sich diese Fähigkeiten vielleicht nie entwickelt - oder erst sehr viel später.

Genetische Vielfalt vs. Arten-Korsett

Das von Forschern erdachte Artenkonzept ist also keine unüberwindbare Barriere, die verhindert, dass sich "Arten" miteinander vermischen. Experten schätzen, dass alle Arten, deren letzter gemeinsamer Vorfahre in den letzten 2 bis 4 Millionen Jahren gelebt hat, noch untereinander fortpflanzungsfähig sind. Und diese Hybriden - siehe Hopeful Monsters - sind genetische X-Men und können das Erbgut einer Spezies verändern.
Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, dass immer mehr Forscher das klassische Artenkonzept om Frage stellen. Erst kürzlich erklärte Professor Rebecca Ackermann von der südafrikanischen Universität Cape Town im Discovery Magazin: "Vergessen sie alles, was sie in der Schule über Arten gelernt haben. Ich kenne jede Menge Evolutionsbiologen, die das Wort 'Art' nicht mehr in den Mund nehmen."
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Es muß eine unvorstellbare grosse Zahl von Übergangsstufen zwischen allen lebenden und ausgestorbenen Arten gegeben haben. Von ihnen fehlt fast jede Spur. Wo sind sie geblieben?
Steve Jones

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