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Forscher finden keine Hobbit-Gene im Erbgut heutiger Flores-Pygmäen

Forscher finden keine Hobbit-Gene im Erbgut heutiger Flores-Pygmäen
Heutige Pygmäen und der zwergwüchsige Homo floresiensis scheinen nicht miteinander verwandt zu sein. Und sie hatten offenbar auch keinen Sex.
Illustration: © Matilda Luk, Princeton University
Auf der indonesischen Insel Flores, wo bis vor 60.000 Jahren der Zwergmensch Homo floresiensis (Hobbit) lebte, gibt es heute noch zwei kleinwüchsige Pygmäenstämme. US-Forscher der Universität Princeton haben das Erbgut dieser modernen Menschen analysiert, um herauszufinden, ob sie in irgendeiner Form mit dem Homo floresiensis verwandt sind oder ob sie sich vor langer Zeit mit ihm vermischt haben.
Da man bislang keinerlei verwertbare Hobbit-DNA finden konnte, hat das Genetiker-Team unter der Leitung von Serena Tucci eine neue Technik entwickelt, um im Erbgut heutiger Flores-Pygmäen nach Fremd-DNA zu suchen, die von archaischen Menschenformen stammt.

Der Homo floresiensis und heutige Pygmäen

Die heutigen Pygmäen auf der Insel Flores sind allesamt Homo sapiens und unterscheiden sich deutlich von den kleinen Urmenschen, die einst auf der Insel gelebt haben. Während der Hobbit nur etwa 1,06 Meter groß wurde, bringen es heutige Flores-Pygmäen immerhin auf etwa 1,45 Meter. Außerdem weisen sie nicht die anatomischen Besonderheiten auf, die den Homo floresiensis charakterisieren - zum Beispiel die ungewöhnlich großen, archaischen Füße und das winzig kleine Gehirn.
Bislang entdeckte Fossilien und Werkzeugartefakte lassen vermuten, dass der Homo floresiensis vor 60.000 Jahren ausgestorben ist und der moderne Mensch die Insel erst vor 45.000 Jahren besiedelt hat. Eigentlich sollten sie sich nicht mehr begegnet sein. Doch ganz ausschließen kann man es nicht. Schließlich basiert unser Wissen auf ganz wenigen Fossilfunden, die wahrscheinlich kein vollständiges Bild liefern.

Gene von Neandertaler und Denisovas

Serena Tucci und ihre Kollegen von der Universität Princeton haben das Ergbut von 32 modernen Pygmäen analysiert, die heute ganz in der Nähe der Höhle Liang Bua leben, wo man im Jahr 2004 das erste Fossil von Homo floresiensis entdeckt hat. Dabei suchten sie gezielt nach Gen-Sequenzen, die von archaischen Menschenformen stammen und vor langer Zeit ins Erbgut dieser kleinwüchsigen, aber modernen Menschen eingeflossen sind.
"Die heutigen Flores-Pygmäen besitzen definitiv eine Menge Neandertaler-DNA", sagt Studienleiterin Serena Tucci. "Und ein bisschen Denisova. Das hatten wir erwartet, denn wir wissen, dass sich der moderne Mensch von Ozeanien nach Flores ausgebreitet hat, so dass sich diese Populationen gemeinsame Vorfahren teilen."
Gen-Sequenzen anderer, ursprünglicherer Menschenarten wie zum Beispiel von Homo floresiensis hat man allerdings nicht finden können. "Da war nichts", erklärt Richard Green, der an der Studie beteiligt war. "Es gibt keinerlei Hinweise auf einen Gen-Fluss vom Hobbit zu den heutigen Pygmäen."

Unabhängig voneinander verzwergt

"Das hört sich nach einem enttäuschenden Resultat an", fährt Richard Green fort. "Aber wir haben Hinweise darauf gefunden, dass die heutigen Flores-Pygmäen und heutige Europäer von einem gemeinsamen Vorfahren abstammen. Sie haben ihre Kleinwüchsigkeit nicht vom Homo floresiensis geerbt."
Die Forscher kommen zu dem Ergebnis, dass sich die Kleinwüchsigkeit auf der Insel Flores zweimal und unabhängig voneinander entwickelt haben muss. Zum ersten Mal vor etwa 700.000 Jahren, als die Vorfahren des Homo floresiensis die Insel besiedelten, und ein zweites Mal vor etwa 40.000 Jahren, als der moderne Mensch Homo sapiens dort aufkreuzte und zu den heutigen Pygmäen verzwergt ist.
Serena Tucci: "Das ist wirklich faszinierend, denn es bedeutet, dass wir evolutionär betrachtet nicht so speziell sind, wie wir glauben. Der moderne Mensch unterliegt den gleichen biologischen Mechanismen wie alle anderen Säugetiere."

Also doch ein zwergwüchsiger Homo erectus?

Fassen wir also noch mal zusammen: Die Hobbits von Flores sind wahrscheinlich ausgestorben, bevor der Homo sapiens die Insel besiedelt hat. Sie sind sich nicht mehr begegnet. Und vieles deutet darauf hin, dass sowohl der Homo floresiensis als auch der Homo sapiens "normal groß" waren, als sie die indonesische Insel erreichten. Beide Menschenformen scheinen erst auf der Insel verzwergt zu sein - so wie der ausgestorbene Zwergelefant Stegodon und andere Säugetiere.
Die neue Studie scheint jenen Paläoanthropologen recht zu geben, die glauben, dass der Homo floresiensis ein verzwergter Homo erectus war und keine noch ältere Menschenart, die möglicherweise vom Frühmenschen Homo habilis abstammt. Doch die Erforschung der kleinwüchsigen Hobbits ist noch nicht abgeschlossen. Der Wind kann sich mit jedem neuen Fossilfund wieder drehen.
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