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War Menschenfleisch in der Steinzeit eine beliebte Delikatesse?

War Menschenfleisch in der Steinzeit eine beliebte Delikatesse?
Auch der Homo antecessor wird verdächtigt, ein Kannibale gewesen zu sein. Doch warum betätigte er sich als Hannibal Lecter?
Fotos: © Jose Luis Martinez Alvarez, CC BY-SA 2.0 Lizenz
Mehrere ausgestorbene Menschenarten werden verdächtigt, Kannibalen gewesen zu sein. Zu den "üblichen Verdächtigen" gehören der Homo erectus, der Homo antecessor, der Neandertaler und der Cro Magnon Mensch (früher europäischer Homo sapiens). Doch bis heute ist unklar, warum die Menschen der Steinzeit ihre Artgenossen verspeist haben.
Handelte es sich um Hunger-Kannibalismus, den man notgedrungen praktizierte, wenn die Nahrung knapp wurde? Oder ging es um rituelle Bräuche? Die Forscher sind sich in diesem Punkt nicht einig.

Kannibalismus im Fossilbestand

Dass es im Paläolithikum Kannibalismus gab, belegen zahlreiche Fossilfunde. So hat man menschliche Knochen gefunden, die zerhackt und aufbrochen wurden, um an das nahrhafte Knochenmark zu gelangen. Und Schädel wurden gewaltsam geöffnet, um das Gehirn zu verspeisen.
Andere Fossilien weisen Brandspuren auf, weil sie offenbar gegart wurden. Wieder andere hat man zusammen mit abgenagten Tierknochen in "Küchenabfällen" gefunden. Die Überreste dieser Menschen wurden also nicht anders behandelt als ein Mammutschenkel oder ein erlegter Hirsch.

War es Hunger oder ein Ritus?

Dass es Kannibalismus gab, ist also relativ gut belegt. Völlig unklar ist dagegen, warum Menschen Menschen gegessen haben. War es Not-Kannibalismus, den sie praktizierten, wenn ihnen die Nahrung ausging? Wurden Stammesmitglieder geopfert, um das Überleben der Sippe zu sichern?
Oder handelte es sich um rituellen Kannibalismus, wie ihn einige Naturvölker im Amazonasgebiet, in der Südsee und in Südostasien bis in die Neuzeit praktiziert haben? Ging es darum, Verstorbene von "unreinem Fleisch" zu reinigen oder die Kraft eines getöteten Feindes in sich aufzunehmen?

Der Mensch ist definitiv keine nahrhafte Mahlzeit

James Cole, Evolutionsforscher an der Universität Brighton, hat den Kannibalismus mal vom ernährungswissenschaftlichen Standpunkt aus analysiert. Er kommt zu dem Ergebnis, dass es für die Menschen des Paläolithikums eigentlich wenig Sinn machte, andere Menschen zu essen, um den Hunger zu stillen.
Das Muskelfleisch eines ausgewachsenen Mannes, so Cole, liefert gerade mal 32.000 Kalorien. Die Nieren nur 376 Kalorien und die Milz nur 128 Kalorien. Deutlich nahrhafter ist das Muskelfleisch eines Mammuts. Es enthält stolze 3,4 Millionen Kalorien. Selbst ein Wildpferd oder ein Hirsch kommen auf 200.100 bzw. 163.680 Kalorien, so der Forscher.
Cole schreibt im Fachmagazin Scientific Reports: "Diese Zahlen belegen, dass ein Mensch nicht sehr nahrhaft ist. Wir sind ein ziemlich kleines Tier, dass nur wenig Fleisch und Fett zu bieten hat." Außerdem gibt er zu bedenken, dass es wesentlich einfacher gewesen sein muss, in Notzeiten Vögel und Hasen zu jagen als Menschen. Denn Menschen sind intelligent, können schnell laufen und um ihr Leben kämpfen. Keine einfache Beute.

Es kann nicht ums Fleisch gegangen sein

James Cole kommt zu dem Ergebnis, dass es den Kannibalen der Steinzeit nicht ums Fleisch gegangen sein kann. Der Kannibalismus muss andere Gründe gehabt haben. Möglicherweise handelte es sich um Bestattungsrituale. Man aß die Verstorbenen, damit sie in den Körpern der Lebenden weiterexistierten. Oder man verspeiste das Fleisch von getöteten Feinden, um zu verhindern, dass sie als "Untote" zurückkehrten und sich rächten.

Hmmm, Menschenfleisch ... Lecker!

Es könnte aber auch eine ganz simple Erklärung für den Kannibalismus in der Steinzeit geben. Sie lautet: Menschenfleisch hat unseren Vorfahren geschmeckt. Es war eine Delikatesse, die man sich ab und zu gönnte.
Als der berühmte Seefahrer James Cook 1769 Neuseeland erreichte, wurden er und seine Mannschaft Zeugen, wie die Maori einen Menschen aßen. Und Cooks' Bordastronom William Wales notierte später in seinem Tagebuch. "Den Maori ging es nicht um Nahrung. Sie essen Menschenfleisch wegen des guten Geschmacks."
Ob das wirklich stimmt, wissen wir natürlich nicht. Da müssen sie schon Hannibal Lecter fragen.
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EVOLUTION & MEINUNG

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David M. Raup

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