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Alles Homo erectus oder was? Oder gab es auch einen Homo ergaster?

Alles Homo erectus oder was? Oder gab es auch einen Homo ergaster?
Gab es nur einen Urmenschen oder zwei? Die Forschergemeinde hat sich in zwei Lager aufgespalten. Und beide haben ihre Argumente.
Foto: © Ryan Somma, CC BY-SA 2.0 Lizenz
Es gibt Paläoanthropologen, die können die Evolution des Menschen in drei Sätzen aufsagen. Satz 1: Vor zwei Millionen Jahren entwickelte sich der Australopithecus zum Homo erectus. Satz 2: Der Homo erectus existierte 1,8 Millionen Jahre und brachte vor 200.000 Jahren zwei Nachfolgearten hervor - den Neandertaler und den Homo sapiens. Satz 3: Der Neandertaler starb aus und der Homo sapiens überlebte. Fertig.
In diesem einfachen und hübsch übersichtlichen Entwicklungmodell spielt der Urmensch Homo erectus die zentrale Rolle. Und dieses Modell kommt mit nur drei Menschenarten aus: Homo erectus, Homo neanderthalensis und Homo sapiens.

Gab es nur einen oder zwei Urmenschen?

Das ist uns zu einfach, sagen andere Paläoanthropologen. All diese unterschiedlichen Fossilien aus der Zeit vor 1,9 Millionen bis 200.000 Jahren in einen großen Karton mit der Aufschrift "Homo erectus" zu packen, ist falsch. Sie glauben, dass es noch mindestens eine weitere archaische Menschenart gab - den Homo ergaster.
Damit sind Fossilien aus der Zeit vor 1,9 bis 1,5 Millionen Jahren gemeint, die man ausschließlich in Afrika gefunden hat. Diese Funde unterscheiden sich angeblich dermaßen stark von Homo erectus, dass sie es verdienen, als eigene Menschenart klassifiziert zu werden.

Die Argumente der Ergaster-Fans

Warum? Weil die Schädelknochen deutlich dünner waren als bei Homo erectus. Weil diese Menschen kleinere, flachere Gesichter hatten. Weil sie körperlich größer waren als Homo erectus und größere Gehirne besaßen. Und weil der Geschlechtsdiphormismus zwischen Männern und Frauen kleiner war als bei Homo erectus.
Das Entwicklungsmodell dieser Forscher ist deutlich komplexer als das der Homo erectus-Fans. Danach entwickelte sich in Afrika zunächst der Homo ergaster. Ein Teil dieser Population soll sich vor 1,6 Millionen Jahren nach Asien und vor 1,1 Millionen Jahren nach Europa ausgebreitet haben und dort zum Homo erectus geworden sein. Die afrikanische Hauptpopulation dagegen "mutierte" vor 500.000 Jahren zum Homo heidelbergensis, aus dem sich später der Neandertaler und der Homo sapiens entwickelten.

Professor White und der Homo erectus

Beide Modelle haben ihre Anhänger und prominente Verfechter. Einer von ihnen ist Tim White, Professor an der Universität Berkeley. White ist fest davon überzeugt, dass es nur eine archaische Menschart gab, nämlich den Homo erectus. White hält sogar den im Jahr 2015 entdeckten Homo naledi für einen Homo erectus. Gleiches gilt für den spanischen Homo antecessor und den Homo heidelbergensis, den Vorfahren des Neandertalers - alles Homo erectus, wenns nach White geht.
Dass sich die Fossilien aus Afrika, Asien und Europa zum Teil erheblich unterscheiden, erklärt White damit, dass der Homo erectus eine Menschenart war, die über eine enorme anatomische Bandbreite verfügte, wie man sie auch vom heutigen Menschen kennt. Der hat schließlich auch 2,20 Meter große Basketballspieler und nur 1,50 Meter kleine Pygmäen zu bieten. Trotzdem sind alle Homo sapiens.

Professor Wood und der Homo ergaster

White's wichtigster Gegenspieler ist der britische Anthropologe Bernhard Wood, der an der George Washington Universität in New York lehrt. Schon 1992 weigerte sich Wood, den 1,6 Millionen Jahre alten Turkana-Boy als Homo erectus einzuordnen. Die Unterschiede zu den damals bekannten Erectus-Fossilien waren ihm einfach zu groß. Also hob er zusammen mit einigen Kollegen die neue Menschart Homo ergaster aus der Taufe.
Der Homo ergaster ist zwar nach wie vor eine umstrittene Menschenart, doch die Zahl der Paläoanthropologen, die ihn anerkennen, ist in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Es sind vor allem US-amerikanische und australische Paläoanthropologen, die das vielschichtige Entwicklungsmodell mit Homo ergaster bevorzugen. Die meisten europäischen Forscher dagegen glauben, dass es nur den Homo erectus gab. Für sie sind Homo ergaster, Homo heidelbergensis & Co. nur regionale Variationen oder Unterarten des Homo erectus (Homo erectus ergaster und Homo erectus heidelbergensis).

Forscherstreit und verwirrende Terminologie

Dieser Streit über die frühe Evolution des Menschen dauert nun schon 25 Jahre. Er hat die weltweite Forschergemeinde in zwei Lager gespalten und sorgt für eine verwirrende Terminologie. So kommt es regelmäßig vor, dass das gleiche Fossil mal als Homo erectus und mal als Homo ergaster beschrieben wird. Und das ist für den interessierten Laien nur schwer zu durchschauen.
Wo steht Antropus? Nun ja, wir haben eine gewisse Schwäche für das einfache Modell mit Homo erectus, wie es Professor Tim White bevorzugt. Es ist so hübsch klar und übersichtlich. Allerdings halten wir uns, wenn wir über neue Studien und Forschungsergebnisse berichten, in der Regel an die Terminologie des jeweiligen Forscherteams. Und da kann es auch mal vorkommen, dass der frühe Homo erectus zum Homo ergaster mutiert und der späte Homo erectus zum Homo heidelbergensis.
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Steve Jones

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