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Die Neandertaler lebten nicht gefährlicher als der Homo sapiens

Die Neandertaler lebten nicht gefährlicher als der Homo sapiens
Die Neandertaler haben sich nicht häufiger bei der Jagd verletzt als der frühe moderne Mensch. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Studie der Universität Tübingen.
Foto: © Gleiver Prieto, Uni Tübingen
NUR 5 PROZENT JAGDUNFÄLLE Weil die Neandertaler keine Wurfspeere kannten und Großwild mit Stoßspeeren jagten, sollen sie sich häufig schwer verletzt haben. Diese Theorie gibt es seit mehreren Jahren und basiert auf einer US-Studie, die zu dem Ergebnis kam, dass viele Neandertaler-Fossilien Verletzungen aufweisen, die denen von heutigen Rodeoreitern ähneln. Nur leider hält diese Theorie einem Faktencheck ist stand.
Ein Forscherteam der Universität Tübingen unter der Leitung von Professor Katerina Harvati vom Senckenberg Centre for Human Evolution hat fast 300 Neandertaler-Schädel und über 500 Homo sapiens-Schädel aus der Zeit vor 80.000 bis 20.000 Jahren untersucht. Die Forscher kommen zu dem Ergebnis, dass sich die Neandertaler nicht häufiger verletzt haben als der frühe moderne Mensch.

Verletzungsrate lag bei 5 Prozent

"Entgegen früherer Annahmen müssen wir nun die Hypothese verwerfen, nach der Neandertaler häufiger an Kopfverletzungen litten als moderne Menschen", sagt Katerina Harvati. "Daher müssen auch die Vorstellungen überdacht werden, dass die Neandertaler gewalttätiger waren oder gefährlichere Jagdmethoden nutzten."
Von den über 800 untersuchten Schädeln wiesen nur 39 Schädelverletzungen auf, so die Forscher. 14 fand man bei Neandertalern, 25 bei modernen Menschen. In Relation zur Anzahl der untersuchten Fossilien ergibt das bei beiden Menschenarten eine Verletzungsrate von jeweils 5 Prozent.
Die Neandertaler waren also nicht gewalttätiger als der Homo sapiens, wurden nicht häufiger von Raubtieren angegriffen und haben auch nicht riskanter gejagt. Doch wie haben sie dann Mammuts erlegt? Wahrscheinlich, indem sie ihre Beutetiere vor sich hertrieben, bis sie in natürliche Gruben oder Schluchten stürzten, wo sie dann relativ gefahrlos mit dem Stoßspeer getötet werden konnten.

Unterschiede bei jungen Männern

Einen bemerkenswerten Unterschied zwischen Neandertaler und frühem Homo sapiens haben die Forscher allerdings doch ausgemacht. Bei den Neandertalern waren es vor allem junge Männer, die sich Schädelverletzungen zuzogen. Sie waren offenbar einem höheren Risiko ausgesetzt als gleichaltrige Männer beim Homo sapiens.
Über die Gründe kann man nur spekulieren. Möglicherweise übernahmen junge Neandertaler bei der Jagd einen riskanteren Part. "Denkbar ist aber auch, dass sich die langfristige Lebenserwartung nach einer nicht-tödlichen Verletzung zwischen den Menschenarten unterschied", sagt Judith Beier, die Erstautorin der Studie.
Alles in allem bleibt aber festzuhalten, dass die Neandertaler keine tumben Steinzeitjäger waren, die sich todesmutig in den Nahkampf stürzten und häufig verletzten, während der clevere Homo sapiens vornehm und sicher aus der Distanz jagte. Beide Menschenarten scheinen über relativ sichere Jagdmethoden verfügt zu haben - auch wenn sie sich im Detail unterschieden.
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