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Gab es bei den Neandertalern schon so etwas wie Hebammen?

Gab es bei den Neandertalern schon so etwas wie Hebammen?
Es gibt zwei neue Studien über die Neandertaler. Und beide kommen ... nun ja, nennen wir es mal zu diskussionswürdigen Ergebnissen.
Symbolbild
Es gibt zwei neue Studien über den Neandertaler. Eine kommt zu dem Ergebnis, dass die Krankenpflege bei den Neandertalern keine kulturelle Errungenschaft war, die sich erst vor 60.000 bis 40.000 Jahren entwickelt hat, sondern Teil eine Überlebensstrategie, die viel älter ist und möglicherweise noch vom Homo erectus stammt. Außerdem sollen die Neandertaler bereits "Hebammen" gekannt haben.
Glaubt man außerdem einer neuen US-amerikanischen Gen-Studie, dann hat der afrikanische Homo sapiens bei seiner Vermischung mit dem Neandertaler zahlreiche Gene geerbt, die ihm dabei geholfen haben, mit ausschließlich in Europa und Asien verbreiteten Virus-Erkrankungen klarzukommen.

80 Prozent aller Neandertaler hatten Verletzungen

Dass die Neandertaler ihre Kranken versorgt haben, ist inzwischen durch mehrere Studien belegt. Rund 80 Prozent aller Neandertaler-Fossilien weisen zum Teil schwere Verletzungen auf. Bei den meisten handelt es sich um Knochenbrüche, die sich Jäger beim Kampf mit großen Tieren zugezogen haben. Doch viele dieser Brüche sind verheilt und führten nicht zum Tode. Und das bedeutet, dass diese Neandertaler versorgt und ernährt wurden.
Bislang ging man davon aus, dass sich die Krankenversorgung erst sehr spät entwickelt hat. Und zwar im Zusammenhang mit neuen kulturellen und sozialen Verhaltensweisen, die erstmals vor 60.000 bis 40.000 Jahren aufgetaucht sind.
Doch Dr. Penny Spikins und ihre Kollegen von der Universität York kommt nach der Untersuchung von 30 Neandertaler-Fossilien zu einem anderen Ergebnis. Sie glauben, dass die Krankenfürsorge viel älter ist und sich nicht kulturell entwickelt hat, sondern fester Bestandteil einer Überlebensstrategie war, die möglicherweise schon der Homo erectus nutzte.

Jedes Leben war für die kleine Sippe wertvoll

Die britischen Forscher argumentieren so: Da die Neandertaler in kleinen Gruppen lebten, zählte jedes Leben für die Fortpflanzung und damit für den Erhalt der Sippe. Man konnte es sich nicht leisten, viele Mitglieder der Gruppe durch Verletzungen zu verlieren. Also kümmerte man sich um sie und sicherte damit nicht nur ihr Überleben, sondern auch das der Sippe.
Dr. Spikins: "Wir haben Hinweise, dass es Krankenpflege schon vor 1,6 Millionen Jahren gab, aber wir glauben, dass dieses Verhalten noch viel weiter zurückreicht."

Es muss schon so etwas wie Hebammen gegeben haben

Penny Spikins und ihre Kollegen gehen sogar noch einen Schritt weiter. Da die Neandertaler-Frauen durch die Breite ihres Beckens und durch die Kopfgröße ihrer Kinder bei der Geburt ähnlichen Risiken ausgesetzt waren wie heutige Frauen, muss es schon bei den Neandertalern so etwas wie Geburtshilfe gegeben haben.
Spikins: "Wir halten es für wahrscheinlich, dass sie bei der Geburt Unterstützung hatten - vergleichbar mit unseren heutigen Hebammen. Ohne Hilfe bei der Geburt wäre die Todesrate unter Müttern und Kinder so hoch gewesen, dass die kleinen Neandertaler-Communities nicht überlebt hätten."

Studie 2 - Ein Blick in die Gene

Mit einem ganz anderen Thema haben sich Genetiker der Stanford Universität beschäftigt. Sie sind im Erbgut des Homo sapiens auf 152 Gen-Fragmente gestoßen, die auch schon der Neandertaler besaß und die in der einen oder anderen Form mit Viren interagieren.
Die US-Forscher vermuten daher, dass der Homo sapiens diese Gene bei seiner sexuellen Vermischung mit den Neandertalern geerbt hat und dass sie ihm dabei halfen, mit Virus-Infektionen klar zu kommen, die damals ausschließlich in Europa und Asien verbreitet waren und die es in Afrika nicht gab.

Unterschiedliche Viren in Europa und Asien

Evolutionsbiologe Dmitri Petrov: "Die Neandertaler-Gene gaben dem modernen Menschen einen gewissen Schutz gegen Virenstämme, die er sich 'einfing', als er Afrika verließ."
Und weil das ein evolutionärer Vorteil war, breiteten sich diese Gen-Varianten aus und sind zum Teil noch heute vorhanden.
Allerdings gibt es eine Einschränkung. Die 152 Anti-Virus-Gene des Neandertalers, die das Immunsystem des Homo sapiens gestärkt haben, haben die US-Forscher ausschließlich bei Europäern gefunden, nicht aber bei Asiaten. Daher nehmen sie an, dass sich in Asien damals andere Neandertaler-Gene verbreitet haben, weil es dort andere Virenstämme gab. Aber das muss erst noch untersucht werden.
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