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Gab es ihn doch, den letzten Außenposten der Neandertaler?

Gab es ihn doch, den letzten Außenposten der Neandertaler?
Wann ist der Neandertaler ausgestorben? Eigentlich schien die Sache geklärt. Doch neue Funde aus Spanien werfen viele neue Fragen auf.
Foto: © Nachosan, CC BY-SA 3.0 Lizenz
DATIERUNGSSTREIT Auch in aktuellen Studien findet man sehr unterschiedliche Angaben darüber, wann die letzten Neandertaler ausgestorben sind und wie lange sie in Europa Seite an Seite mit dem aus Afrika einwandernden Homo sapiens gelebt haben. Dabei schien diese Frage längst geklärt.
Offenbar gibt es nach wie vor Paläoanthropologen, die an der (alten) Lehrmeinung festhalten, dass sich die letzten Neandertaler in die südlichen Regionen Europas zurückgezogen und dort bis vor 30.000 Jahren überlebt haben. Andere Forscher verorten das Aussterben der Neandertaler in die Zeit vor 40.000 Jahren - was einen erheblichen Unterschied ausmacht. Ja, was stimmt denn nun?

Letzter Außenposten der Neandertaler

Fossilfunde aus der Gorham Höhle auf Gibraltar und der Vindija Höhle in Kroatien wurden einst auf ein Alter von 30.000 Jahren oder jünger datiert. Daraus entwickelte sich die Theorie, dass sich die letzten Neandertaler in Richtung Mittelmeer zurückgezogen hatten, um dem Kältemaximum der Eiszeit zu entfliehen oder dem sich ausbreitenden Homo sapiens aus dem Wege zu gehen.
Das Alter der Funde wurde nie in Frage gestellt. Selbst dann nicht, als Clive Finlayson, der örtliche Grabungsleiter auf Gibraltar, die Überreste einer Feuerstelle präsentierte, die nur 23.000 Jahre alt sein sollte und die er den Neandertalern zuschrieb. Sogar Forscher-Ikone Chris Stringer schwärmte damals vom "letzten Außenposten der Neandertaler".

Fossilien deutlich älter als gedacht

Einen ersten Dämpfer bekam die Legende von den letzten Mohikanern der Eiszeit, als sich ein internationales Forscherteam unter der Leitung von Tom Higham die alten Knochen im Jahr 2014 noch einmal vornahm und mit modernster Technik analysierte. Die Ergebnisse waren ernüchternd. Kein Fossil war jünger als 42.000 Jahre. Auch die Werkzeugtechnologie der Neandertaler verschwand zu diesem Zeitpunkt.
Higham und seine Kollegen kamen in ihrer Studie zu dem Ergebnis, dass die Neandertaler-Funde aus Gibraltar und Kroatien nicht annähernd so jung sind, wie man bislang dachte. Wahrscheinlich sind diese Populationen zur gleichen Zeit ausgestorben wie alle anderen Neandertaler in Europa. Und wahrscheinlich sind sie nie einem Homo sapiens begegnet.
Bestätigt wurden diese Ergebnisse von einer nachfolgenden Gen-Studie. Alle Funde wurden auf ein Alter von 40.000 bis 47.000 Jahren datiert. Und es war keinerlei Genfluss mehr zwischen den späten Neandertalern und dem Homo sapiens nachweisbar. Die Vermischung beider Menschenarten musste also deutlich früher und wahrscheinlich nur im östlichen Mittelmeerraum stattgefunden haben.

Drei neue Neandertaler-Höhlen entdeckt

Vieles deutete also darauf hin, dass alle Neandertaler spätestens vor 40.000 Jahren ausgestorben sind. Und das Zeitfenster, in dem sie dem einwandernden Homo sapiens begegnet sein können, reduzierte sich auf mickrige 2000 bis 2500 Jahre.
Doch warum gibt es heute immer noch Paläoanthropologen, die in aktuellen Studien schreiben, dass die letzten Neandertaler erst vor 35.000 Jahren oder sogar noch später ausgestorben sind? Ganz einfach, weil ein portugiesisch-spanisches Forscherteam im Jahr 2017 in Südspanien drei neue Höhlen mit Neandertaler-Werkzeugen und dekorierten Muschelschalen entdeckt hat, die mindestens 3000 Jahre jünger sind als die Funde aus West- und Osteuropa.

Der Ebro und ein Vulkanausbruch

Professor Joao Zilhao von der Universität Barzelona und sein Team haben daraus eine interessante Theorie entwickelt. Sie glauben, dass der Fluss Ebro, der die iberische Halbinsel von Westen nach Osten durchschneidet, eine natürliche Barriere darstellte, die den Homo sapiens davon abhielt, sich schnell nach Südspanien auszubreiten.
Außerdem, so Zilhao und Co, brach vor 39.850 Jahren der Supervulkan unter den Phlegräischen Feldern in Italien aus, wodurch die Homo sapiens-Population in Mitteleuropa deutlich reduziert wurde, was ihre Ausbreitung nach Spanien verzögerte.

Wir brauchen dringend weitere Fossilien

Dass es heute wieder Paläoanthropologen gibt, die glauben, dass die Neandertaler in Südspanien deutlich länger überlebt haben als ihre mitteleuropäischen Verwandten, liegt vor allem an der Studie aus dem Jahr 2017. Sie hat die Theorie vom "Letzten Außenposten Gibraltar" wieder in den Bereich des Möglichen gerückt. Und wer weiß, vielleicht stammt die 23.000 Jahre alte Feuerstelle aus der Gorham Höhle auf Gibraltar ja tatsächlich vom letzten Neandertaler, der jemals gelebt hat.
Zurzeit müssen wir wohl (wieder) damit leben, dass der Zeitpunkt, wann der letzte Neandertaler seine Augen geschlossen hat, nicht eindeutig festgelegt werden kann. Alles zwischen 23.000 und 40.000 Jahren scheint möglich.
Kein Wunder also, wenn Professor Joao Zilhao sagt: "Der Schlüssel zur Klärung dieser Frage besteht darin, neue Fundstellen zu entdecken und zu analysieren. Es bringt nicht viel, bereits bekannte archäologische Fundstätten immer wieder aufs neue zu untersuchen."
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Es ist absurd und absolut unsinnig zu glauben, dass eine lebendige Zelle von selbst entsteht. Aber dennoch glaube ich es, denn ich kann es mir nicht anders vorstellen.
Ernest Kahane

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