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Darf man Schädel zusammenpuzzeln und macht das Sinn?

Darf man Schädel zusammenpuzzeln und macht das Sinn?
Wie nahe kommen Fossilien, die aus tausenden verformten Fragmenten bestehen, einem Originalschädel? Haben solche Funde überhaupt einen wissenschaftlichen Wert?
Foto: © Wikimedia, Rama, CC0
Wie stark fragmentiert darf ein fossiler Schädel sein, damit die Paläoanthropologen damit noch etwas anfangen können? Diese Diskussion begann im Jahr 2001 mit dem Kenyanthropus platyops, setzte sich 2002 mit dem Sahelanthropus tchadensis fort und flammt seither immer wieder neu auf.
Es geht um folgende Fragen: Wie nahe kommt ein aus über 1000 deformierten Knochenfragmenten zusammengepuzzelter Schädel dem lebenden Original? Sieht er wirklich noch so aus, wie er mal aussah? Wie hoch ist die Fehlerquote bei der Restauration? Und taugen solche Schädel überhaupt, um neue Arten zu definieren?

Schädel aus über 1000 Einzelteilen

Als Meave und Louise Leakey im Jahr 2001 einen 3,5 Millionen Jahre alten Hominidenschädel aus Kenia präsentierten, den sie als neue Gattung und Art Kenyanthropus platyops klassifizierten, da regte sich in der Fachwelt sofort Widerstand. Die beiden Damen hatten das Fossil nämlich aus über 1000 Einzelteilen zusammengesetzt. Und viele Forscher hatten Zweifel, dass das Ergebnis dieses Puzzlespiels wirklich dem Originalschädel entsprach.
Bei der Rekonstruktion stark fragmentierter Schädel gibt es nämlich zwei Hauptrisiken. Zum einen können Knochenstücke falsch platziert werden, zum anderen lässt sich nicht ausschließen, dass man Skelettreste "verbaut", die von einem anderen Individuum stammen. Und beides kann das Ergebnis extrem verfälschen.

Tim White sagt seine Meinung

Professor Tim White von der Universität Berkely, einer der weltweit führenden Paläoanthropologen, war die Angelegenheit einen Beitrag im Fachmagazin Science wert. Die Überschrift lautete: "Early Hominids - Diversity or Distortion?". Darin äußerte White seine Bedenken und kam zu dem Ergebnis, dass solche Fossilien keinen wissenschaftlichen Wert haben und nicht zur Definition neuer Arten herangezogen werden dürfen.
Und so ist der Kenyanthropus platyops bis heute ein umstrittenes Fossil. Das Smithonian Human Origins Program listet den Fund nicht als Hominiden-Art und auf der Website des Australian Museum ist zu lesen: "Der Schädel ist extrem verformt und wurde schlecht rekonstruiert. Es handelt sich wahrscheinlich um eine kenianische Variante des Australopithecus afarensis."

Homo sapiens aus unzähligen Bruchstücken

Jüngstes Beispiel für diese Puzzle-Debatte sind fünf (vermeintliche) Homo sapiens-Schädel aus Jebel Irhoud (Marokko). Die Fossilien bekamen im Jahr 2017 viel Aufmerksamkeit und dicke Schlagzeilen - "Homo sapiens 100.000 Jahre älter als gedacht". Sie sind nach Ansicht eines internationalen Forscherteams unter der Leitung von Jean-Jacques Hublin vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie der Beweis dafür, dass es schon vor 300.000 Jahren moderne Menschen gab.
Doch die Schädelfunde aus Marokko haben das gleiche Problem wie der Kenyanthropus platyops. Sie bestehen aus über 1000 verformten Einzelteilen. Man hat diese Knochenfragmente eingescannt und dann am Computer virtuell rekonstruiert. Und weil es so viele Kombinationsmöglichkeiten gab, erhielten die Forscher am Ende 10 verschiedene Schädelvarianten - aus denen sie dann einen 3-D-Schädel zusammenpuzzelten, den sie der Öffentlichkeit präsentierten.
In der Presseveröffentlichung wird diese Vorgeschichte nicht erwähnt. Lediglich in einer Bildunterzeile ist zu lesen: "Zwei Ansichten einer zusammengesetzten Rekonstruktion (...) mehrerer Originalfossilien". Also kein echtes Fossil, sondern die Quersumme mehrerer Schädel, die zudem noch aus tausenden Einzelteilen zusammengesetzt wurden.

Das ist doch ein Nothingburger

Wie der Kenyanthropus platyops wurden auch die Homo sapiens-Funde aus Marokko, die allen bisherigen Forschungsergebnissen widersprechen, scharf kritisiert. Die Kommentare reichten von "Wir wissen doch alle, dass solche zusammengepuzzelten Fossilien nie der Wirklichkeit entsprechen" bis "Das ist doch Clickbait".
Deutliche Worte fand auch die Genetikerin Rebecca Cann, deren Arbeiten dazu beigetragen haben, die heutige Lehrmeinung zu etablieren, dass der Homo sapiens erst vor 200.000 Jahren entstanden ist. Sie bezeichnete die Jebel Irhoud-Studie und die ihr zugrunde liegenden Fossilien wenig schmeichelhaft als "Nothingburger" (amerikanischer Slang für einen hochgepuschten Pressebericht ohne viel Substanz).

Die Debatte ist noch nicht beendet

Meave und Louise Leakey haben sicher ihr Bestes gegeben. Das gleiche gilt für Jean-Jacques Hublin und Abdelouaded Ben-Ncer. Und für Michel Brunet, der den Sahelanthropus tchadensis zusammengepuzzelt hat. Sogar der von Lee Berger entdeckte Homo naledi wird verdächtigt, aus Fossilien von mindestens zwei Hominiden-Arten zu bestehen.
Doch es bleibt die Frage: Sind solche aus tausenden von zum teil stark verformten Einzelfragmenten zusammengesetzten Fossilien wirklich geeignet, um daraus weitreichende wissenschaftliche Schlüsse zu ziehen? Die Debatte darüber ist sicherlich noch nicht beendet.
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