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Jeder 5. frühe Mensch litt unter Geburtsfehlern und Erbkrankheiten

Jeder 5. frühe Mensch litt unter Geburtsfehlern und Erbkrankheiten
All diese Fossilien weisen Erbkrankheiten und Geburtsfehler auf. Professor Trinkaus findet, dass der Anteil solcher Anomalien am Fossilbestand erstaunlich hoch ist.
Foto: © Erik Trinkaus
Professor Erik Trinkaus von der Washington Universität in St. Louis hat eine überraschende Entdeckung gemacht, die seinen Kollegen bislang "durchgegangen" ist. Erstaunlich viele Fossilien von archaischen Menschenarten, die man in China, Europa und im Nahen Osten ausgegraben hat, weisen körperliche Anomalien und Geburtsfehler auf.
Die Palette reicht von krankhaft veränderten Oberschenkeln über Missbildungen an Kiefern und Zähnen bis hin zum Wasserkopf durch Hydrozephalus. Trinkhaus kommt im Fachmagazin PNAS zu dem Ergebnis, dass ihr Anteil am Fossilbestand viel höher ist, als man es aufgrund der Verteilung beim heutigen Menschen erwarten dürfte. Und dafür muss es Gründe geben.

Hoher Anteil von Anomalien bei frühen Menschenformen

Die Verbreitung solcher Anomalien beträgt beim heutigen Menschen je nach Krankheit maximal 5 Prozent, schreibt Trinkaus in seiner Studie. Die meisten Erkrankungen kommen sogar auf weniger als 1 Prozent.
Im Fossilbestand dagegen sieht es ganz anders aus. Nach der Analyse von 75 Skelettfunden von archaischen Menschen, von denen die meisten in den letzten 200.000 Jahren außerhalb Afrikas gelebt haben, kommt Trinkaus zu dem Ergebnis, dass der Anteil krankhafter Veränderungen je nach Krankheit zwischen 14 und 19 Prozent lag. Ein erstaunlich hoher Wert.
Diese Skelett-Anomalien und Geburtsfehler sind natürlich schon anderen Forschern aufgefallen. Aber meist wurden sich als kuriose Einzelfälle abgetan. Andere Experten stellten die Theorie auf, dass Menschen mit Geburtsfehlern für Schamanen gehalten und deshalb besonders sorgfältig bestattet wurden, weshalb ihre Knochen häufiger fossil erhalten sind als die von gesunden Menschen.

Migrationsstress und Inzucht

Professor Trinkaus stellten diese Erklärungen nicht zufrieden. Also schaute er sich Fossilfunde aus China, aus Israel, aus Tschechien und aus Italien sehr genau an. Und er kommt zu dem Ergebnis, dass diese auffällige Häufung körperlicher Anomalien zwei Hauptgründe hat: Migrationsstress und Inzucht.
Immer, wenn menschliche Populationen Afrika verlassen haben und neue Regionen besiedelten, waren sie einem hohen Level an Stress ausgesetzt, argumentiert Trinkaus. Sie mussten sich einer neuen Umwelt anpassen, Hungerperioden überstehen, begegneten bis dato unbekannten Raubtieren und anderen Menschenarten. Und dieser Stress, dem auch werdende Mütter ausgesetzt waren, führte zu genetischen Veränderungen und Entwicklungsstörungen beim Nachwuchs dieser Menschen.
Außerdem, so Trinkaus, lebten die kleinen Jäger und Sammler-Gruppen in der fremden Umgebung sehr isoliert. Es gab wenig Gelegenheiten, sich mit anderen Populationen zu vermischen. Dadurch kam es zu Inzucht. Und die trug ihren Teil dazu bei, dass sich solche Krankheitsbilder verbreitet haben.

Nicht alle Forscher stimmen zu

Die statistische Wahrscheinlichkeit, dass Archäologen und Paläoanthropologen so viele Fossilien mit Erbkrankheiten und Geburtsfehlern rein zufällig ausgegraben haben, hält Professor Trinkaus für sehr gering. Er nimmt an, dass solche Anomalien bei frühen Menschenformen, die außerhalb Afrikas lebten, weit verbreitet waren. Fast jeder fünfte Mensch besaß damals ein Handicap - was enorm viel ist.
Nicht alle Forscher sind mit Trinkaus' Interpretation einverstanden. So erklärte Professor Sian Halcrow von der Universität Otago im Fachmagazin Science, dass Trinkaus' Studie ihre Schwächen hat. So vergleiche Trinkaus die Häufung solcher anatomischen Abnormitäten mit der beim heutigen Menschen. Sinnvoller wäre es aber gewesen, die Fallzahlen aus der Zeit vor 200.000 Jahren mit denen vorgeschichtlicher und früher historischer Gesellschaften zu vergleichen. Doch leider gibt es dazu bislang keine Daten, so Professor Halcrow.
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Gott hat den Menschen erschaffen, weil er vom Affen enttäuscht war. Danach hat er auf weitere Experimente verzichtet.
Mark Twain

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