HOMO SAPIENS
Button
Menschen. Urmenschen. Hominiden
Forscher. Fossilien. Artefakte
Menübutton

War das unser aller Vorfahre oder nur ein halber Neandertaler?

War das unser aller Vorfahre oder nur ein halber Neandertaler?
Der Homo heidelbergensis war der Vorfahre des Neandertalers. Strittig ist dagegen, ob er auch der Vorfahre des modernen Menschen war.
Foto: © Wikimedia Commens, CC0
Über den Homo heidelbergensis ist schon viel diskutiert worden. War eine eigene Menschenart oder nur ein später Homo erectus? War er ausschließlich der Vorfahre des Neandertalers oder auch der Vorfahre des Homo sapiens? Lebte der Homo heidelbergensis nur in Europa oder gab es ihn auch in Afrika und Asien?
Vor etwa 600.000 Jahren tauchte in Europa eine neue Menschenform auf, die sich nach Ansicht vieler Forscher deutlich vom Urmenschen Homo erectus unterscheidet. Man bezeichnet diesen neuen Menschentypus als Homo heidelbergensis. Und seit Jahrzehnten wird kontrovers darüber diskutiert, ob man den Homo heidelbergensis als eigenständige Menschenart einordnen soll (Homo heidelbergensis) oder nur als Unterart des Homo erectus (Homo erectus heidelbergensis).

Vorfahre des Neandertalers

Es ist relativ unstrittig, dass der Homo heidelbergensis anders war als der Urmensch Homo erectus. Sein Gehirn war größer, sein Gesicht flacher und sein Körperbau kräftiger. Außerdem verfügte er über bessere Waffen und Werkzeuge. Unbestritten ist auch, dass sich der Homo heidelbergensis vor etwa 200.000 Jahren zum Neandertaler entwickelte.
In der Zeit vor 600.000 bis 200.000 Jahren war der Homo heidelbergensis in Europa weit verbreitet. Das belegen Fossilfunde aus Spanien (Sierra de Atapuerca), England (Boxgrove), Griechenland (Petralona), Deutschland (Bilzingsleben), Serbien (Mala Balanica), Frankreich (Arago) und Ungarn (Vertesszolos).
Lange dachte man, dass sich der Homo heidelbergensis in Europa entwickelt hatte und ausschließlich dort lebte. Doch anatomisch ähnliche Funde aus China (Dali, Jinniushan, Yunxian) und Afrika (Sambia, Äthiopien, Südafrika) haben Zweifel an dieser Theorie aufkommen lassen.

Schon in Afrika entstanden?

Inzwischen gibt es diverse Paläoanthropologen, die der Meinung sind, dass der Homo heidelbergensis bereits in Afrika entstanden ist, wo er sich vor 600.000 Jahren in zwei Populationen aufspaltete. Eine blieb in Afrika und wurde zum modernen Menschen Homo sapiens, eine zweite Population breitete sich nach Europa aus und entwickelte sich dort zum Neandertaler. Damit wäre der Homo heidelbergensis der Vorfahre beider Menschenarten.
Wie die chinesischen Funde in diese Theorie passen, ist noch nicht so ganz klar. Eine Gen-Analyse aus dem Jahr 2013 lässt vermuten, dass es sich um Denisova-Menschen gehandelt haben könnte. Im Erbgut eines 400.000 Jahre alten Homo heidelbergensis aus Nordspanien haben Forscher des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig nämlich jede Menge Denisova-Gene gefunden, die auf einen gemeinsamen Vorfahren schließen lassen, der vor etwa 700.000 Jahren gelebt hat.
Sollte das stimmen, dann muss es noch eine evolutionäre Übergangsform zwischen dem afrikanischen Homo erectus und dem europäischen Homo heidelbergensis gegeben haben. Professor Chris Stringer vom Natural History Museum in London glaubt, dass es sich um den aus Spanien bekannten Homo antecessor handeln könnte. In dieses Schema passen auch ein Schädelfund aus Italien (900.000 Jahre, Homo Cepranensis), versteinerte Fußspuren aus England (800.000, Happisburgh) und Werkzeug-Artefakte aus Großbritannien (700.000, Lowestoft).

Kein Vorfahre des modernen Menschen

In letzter Zeit scheint sich in der weltweiten Forschergemeinde wieder ein Konsens durchzusetzen, nach dem man die Bezeichnung Homo heidelbergensis ausschließlich für europäische Fossilfunde aus der Zeit vor 600.000 bis 200.000 Jahren verwendet. Die afrikanischen Funde bleiben bei Homo erectus, während die asiatischen Fossilien von einer bislang unbekannten, nicht näher definierten Menschenform stammen sollen.
Das Bild, das sich daraus ergibt, sieht so aus: Vor etwa 1 Million Jahren breitete sich der afrikanische Homo erectus nach Europa aus, wo er sich dem dortigen Klima anpasste und vor 600.000 Jahren zum Homo heidelbergensis wurde. Eine weitere evolutionäre Anpassung erfolgte vor 200.000 Jahren, als sich der Homo heidelbergensis zum Neandertaler entwickelte und als Spezies verschwand.
Nach dieser Sichtweise war der Homo heidelbergensis eine rein europäische Entwicklungslinie, die mit dem Neandertaler ausstarb. Damit wäre der Homo heidelbergensis kein Vorfahre des modernen Menschen Homo sapiens. Der entwickelte sich unabhängig von der europäischen Line in Afrika.

Art oder Unterart, so lautet hier die Frage

Bleibt die Frage, ob es der Homo heidelbergensis verdient, als eigenständige Menschenart klassifiziert zu werden oder ob er lediglich ein später europäischer Homo erectus war, der sich zum Neandertaler entwickelte. Die Forscher sind sich in diesem Punkt nicht einig.
De fakto sieht es allerdings so aus, dass in den meisten wissenschaftlichen Publikationen nur noch vom Homo heidelbergensis die Rede ist und nicht vom Homo erectus heidelbergensis. Und so würde es wahrscheinlich schon allein aus praktischen Erwägungen Sinn machen, dem Homo heidelbergensis den Status einer eigenen Menschenart zuzubilligen. Ob die Paläoanthropologen das hinbekommen, muss man abwarten.
Metaller aus den Norden haben die Bauern der Jungsteinzeit verdrängt
Speere und Osteoporose besiegelten das Schicksal des Mammuts
Button Über Charles Darwin und die Evolutionstheorie
Button Wie funktioniert eigentlich Evolution?
Button Fossilien sind seltener als Diamanten
Button Menschen und Hominiden nach Gattung und Art
PALÄO UPDATE
Ob es ein Fossil in den Stammbaum schafft, ist oft Glückssache
Die meisten Arten zeigen keine gerichteten Veränderungen während ihrer Existenz auf Erden. Von ihrer Erscheinungsform im Fossilbericht her sehen sie fast genauso aus wie zum Zeitpunkt ihres Verschwindens.
Stephen Jay Gould
PALÄO CLASSICS - 1891
Homo erectus
Foto: © Ramuck
Eugene Dubois findet in Südostasien den ersten Homo erectus
PALÄO CLASSICS - 2003
Homo floresiensis
Foto: © Ismoon, CC BY-SA 4.0 Lizenz
Die seltsamen Zwergmenschen von der indonesischen Insel Flores
Eine Mutation machte den Menschen zum besten Läufer der Welt

Diese Beiträge könnten Sie ebenfalls interessieren

Es war der Klimawandel, der den Paranthropus auslöschte
Fluch oder Segen? Ein kritischer Blick auf die Neolithische Revolution
X