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Die frustrierend große Lücke im Stammbaum des Menschen

Die frustrierend große Lücke im Stammbaum des Menschen
Vor zwei Millionen Jahren tauchte der Homo erectus auf. Woher er kam und wer seine Vorfahren waren, ist rätselhaft. Es gibt so gut wie keine Fossilien, die Hinweise darauf liefern.
Symbolbild
Die Paläoanthropologen haben zahlreiche Fossilien von aufrecht gehenden Menschenaffen gefunden, die unsere Vorfahren sein könnten - Sahelanthropus, Ardipithecus, Australopithecus. Doch zwischen diesen Vormenschen und dem Urmenschen Homo erectus klafft eine zeitliche und fossile Lücke, die bislang kein Forscherteam schließen konnte.
Bis heute ist unklar, wann und wo die Gattung Homo entstanden ist. Sie muss sich irgendwann in der Zeit vor 3,0 bis 2,0 Millionen Jahren entwickelt haben. Doch ausgerechnet aus diesen 1 Million Jahren gibt es keinerlei Fossilfunde, die man zweifelsfrei als menschlich bezeichnen könnte. Einige Forscher sprechen bereits vom dunklen Zeitalter der Paläoanthropologie.

Damals gab es wohl nicht viel Homo

William H. Kimbel von der Arizona State University sagte einmal der New York Times, dass diese 1 Million Jahre seit langem eine "frustrierende Lücke im Fossilbestand der Hominiden" darstellen.
Kimbel: "Es ist ja nicht so, dass Sedimentschichten aus dieser Zeit besonders selten sind oder dass dieser Zeitraum nicht ausgiebig untersucht worden wäre. Das Problem ist, dass der fossile Ertrag im Vergleich zu den Jahrmillionen davor und danach gering ist. Entweder gibt es keine Fossilien oder sie sind sehr schlecht erhalten."
Homo erectus-Spezialist G. Philip Rightmire von der Harvard Universität wird im gleichen Artikel zitiert und fügt hinzu: "Bis auf eine Ausnahme haben wir keine Fossilien finden können, die man eindeutig zur Gattung Homo stellen kann. Das deutet darauf hin, dass es damals nicht viel Homo gab."
Mit der "einen Ausnahme" meint Rightmire einen Kiefer, den man in Äthiopien gefunden hat. Er ist 2,3 Millionen Jahre alt und das Zahnbild ähnelt nach Ansicht seiner Entdecker dem eines Menschen. Daher glauben sie, dass er vom einem frühen Vertreter der Gattung Homo stammt. Aber ganz unumstritten ist diese Interpretation nicht.

Zwei möglicherweise menschliche Kiefer. Mehr gibt es nicht

Inzwischen hat man - ebenfalls in Äthiopien - einen zweiten Kiefer samt Zähnen gefunden, der mit 2,8 Millionen Jahren sogar noch etwas älter ist. Auch er soll menschenähnlich sein. Allerdings weist auch dieses Fossil noch ursprüngliche Merkmale auf, die von einem Australopithecus stammen könnten. Den Besitzer dieses Kiefers in die Gattung Homo einzuordnen, ist ... nun ja, nennen wir es mal optimistisch.
Und das wars dann auch schon. Zwei Kiefer, mehr Mensch hat die Zeit vor 3,0 bis 2,0 Millionen Jahren nicht zu bieten. Wo sind sie hin, all die fossilen Übergangsformen, die es eigentlich geben müsste und die eine Entwicklung vom Australopithecus zur Gattung Homo erkennen lassen? Warum sind die Sedimentschichten aus dieser Zeit leer? Kein Wunder, dass viele Paläoanthropologen frustriert sind und von einem dunklen Zeitalter sprechen.

Falsch interpretierte Frühmenschen

Natürlich gibt es da noch Homo rudolfensis und Homo habilis. Die sollen ja Frühmenschen gewesen sein. Doch die Zuordnung dieser bis zu 2,6 Millionen Jahre alten Fossilien zur Gattung Homo erfolgte in den 1960er und 1970er Jahren. Und damals steckte die paläoanthropologische Forschung noch in den Kinderschuhen.
Heute gibt es nicht mehr viele Forscher, die mit dieser Interpretation einverstanden sind. Die meisten Paläoanthropologen plädieren inzwischen dafür, dem Homo rudolfensis und dem Homo habilis die Gattungsbezeichnung Homo zu streichen und durch Australopithecus zu ersetzen. Ihnen sind die Fossilien nicht menschlich genug. Sie plädieren für Australopithecus rudolfensis und Australopithecus habilis. Also wieder nichts mit Mensch.

Wer hat die ersten Steinwerkzeuge hinterlassen?

Das Fehlen frühmenschlicher Fossilien könnte zu dem Schluss verleiten, dass die Gattung Homo spontan und in einem ganz kurzen Zeitraum entstanden sein muss. Denn eines steht fest: Ab der Zeit vor 2,0 Millionen Jahren und aus der Zeit danach gibt es menschliche Fossilien - die des Homo erectus. Und der war bereits ein vollwertiger Mensch.
Gegen diese Theorie spricht allerdings, dass die ältesten Steinwerkzeuge, die man gefunden hat, bis zu 2,6 Millionen Jahre alt sind. Man bezeichnet sie als Oldowan-Kultur. Und bislang geht man davon aus, dass diese "Tools" von Menschen hinterlassen wurden. Es muss sie also gegeben haben, die frühen Vertreter der Gattung Homo. Doch wo sind ihre Fossilien geblieben?
Fairerweise muss man hinzufügen, dass es Paläoanthropologen gibt, die glauben, dass bereits frühe Hominiden wie der Australopithecus Steinwerkzeuge hergestellt und genutzt haben. Sollte das stimmen, dann sind Werkzeugfunde nicht wirklich hilfreich, um die Entstehung der Gattung Homo zu dokumentieren.

Die Theorie vom evolutionären Urknall

Fazit: Wir wissen, dass in der Zeit vor 7,0 bis 2,0 Millionen Jahren aufrecht gehende Menschenaffen existiert haben. Und wir wissen, dass vor 2,0 Millionen Jahren der Urmensch Homo erectus auftauchte, aus dem sich alle nachfolgenden Menschenarten - Homo heidelbergensis, Neandertaler, Homo sapiens - entwickelten. Was wir nicht wissen ist, wann und wo die Gattung Homo entstanden ist. Die Entstehung des Menschen bleibt ein Rätsel.
Gab es also doch einen evolutionären Urknall, der zur Entstehung der Gattung Homo führte? Diese Theorie haben Paläoanthropologen der Universität Michigan bereits im Jahr 2000 aufgestellt. Sie kamen nach der Auswertung aller damals bekannten Fossilfunde zu dem Ergebnis, dass die Gattung Homo nicht über einen langen Zeitraum durch eine lange Kette genetischer und selektiver Anpassungen entstanden sein kann, sondern dass der Mensch spontan und in ganz kurzer Zeit entstanden ist.
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