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Der Wasseraffe, der sich zum Menschen entwickelt haben soll

Der Wasseraffe, der sich zum Menschen entwickelt haben soll
Es gibt Theorien, die sind einfach nicht totzukriegen. Eine davon ist die Wasseraffen-Theorie, nach der sich der aufrechte Gang der Hominiden im Wasser entwickelt hat.
Foto: © PLOS, CC BY 2.5 Lizenz
Die Wasseraffen-Theorie wurde 1960 vom britischen Biologen Sir Alister Hardy entwickelt, erfreute sich in den 70er Jahren großer Popularität und scheint mit Beginn des neuen Jahrtausends eine Art Renaissance zu erleben. So trafen sich im Jahr 2013 renommierte Forscher wie Sir David Attenborough und Donald Johanson in London zu einer Konferenz, um über die aquatische Vergangenheit des Menschen zu diskutieren.
Die Wasseraffen-Theorie besagt in Kürze Folgendes: Als in Ostafrika der Dschungel weniger wurde und sich die baumarme Savanne entwickelte, verließen die dort lebenden Menschenaffen den Urwald und lebten fortan im Uferbereich von Flüssen, Seen und Meeren. Durch das Waten im Wasser entstand der aufrechte Gang, die Ernährung mit Meeresfrüchten ließ das Gehirn wachsen und um Schalentiere aufzubrechen, nahmen die Vorfahren des Menschen die ersten Steinwerkzeuge in die Hand.

Argumente für die Wasseraffen-Theorie

Die Vertreter der Wasseraffen-Theorie haben durchaus ihre Argumente. Sie verweisen zum Beispiel auf anatomische Merkmale des heutigen Menschen, die ihrer Meinung nach nur durch eine aquatische Entwicklungsphase erklärt werden können.
So besitzt der Mensch im Gegensatz zu den Menschenaffen kein Fell mehr, hat überproportional große Nasennebenhöhlen, Hohlräume im Schädel, Überreste von Schwimmhäuten zwischen den Fingern, einen Tauchreflex und einen Fettring um die Hüften, der für Auftrieb sorgt.
Außerdem weisen die Verfechter der Wasseraffen-Theorie darauf hin, dass alle Fossilfunde von frühen Hominiden (Orrorin tugenensis, Ardipithecus, Australopithecus anamensis und A. afarensis, Kenyanthropus platyops) in Sedimentschichten gefunden wurden, die aus Flüssen und Seen stammen. Das soll sich erst mit dem Australopithecus africanus geändert haben, der vor zwei Millionen Jahren in Südafrika lebte.

Gehirnwachstum durch Meeresfrüchte

Auch das große Gehirn des Menschen und seine einzigartige Intelligenz sollen dem Leben im Wasser geschuldet sein. So sagt Dr. Michael Crawford vom Imperial College in London: "Wir sind schlau geworden, weil wir Fisch gegessen und im Wasser gelebt haben."
Er ist davon überzeugt, dass es die in Fischen und Meeresfrüchten reichlich enthaltene Omega-3-Fettsäure DHA war, die das Gehirn unserer Vorfahren wachsen ließ.
Crawford: "Ein Delphin hat ein viel größeres Gehirn als ein Zebra, obwohl beide ungefähr gleich groß sind. Das liegt an den Meeresfrüchten, die Delphine essen und die einen hohen DHA-Anteil aufweisen. DHA steigert das Hirnwachstum bei Säugetieren."

Die Ufer-Hypothese

Der deutsche Evolutionsbiologe Carsten Niemitz hat eine abgeschwächte Version der Wasseraffen-Theorie entwickelt, die man als Ufer-Hypothese bezeichnet. Er glaubt zwar nicht, dass die frühen Vorfahren des Menschen dauerhaft im Wasser gelebt haben, allerdings soll das Leben an Flussufern und das Waten durch Wasser auf der Suche nach Nahrung starken Einfluss auf die Entwicklung des Menschen gehabt haben.
Niemitz hat darüber ein Buch geschrieben. Außerdem gibt es eine TV-Dokumentation von WDR und Arte (Das Geheimnis des aufrechten Gangs), in der Niemitz der Frage nachgeht, ob der aufrechte Gang der Hominiden in der Savanne oder im Wasser entstanden ist.

Und was ist mit den Krokodilen?

Die Wasseraffen-Theorie und die Ufer-Hypothese sind natürlich umstritten. Und die Mehrheit der Fachleute kann nur wenig mit ihnen anfangen. Professor Chris Stringer vom Natural History Museum in London weist zum Beispiel darauf hin, dass die Vorfahren des Menschen Millionen Jahre im Wasser zugebracht haben müssten, um all die anatomischen Merkmale zu entwickeln, die das "aquatische Affenpaket" enthält. Und darauf gebe es absolut keine fossilen Hinweise.
Außerdem haben die Kritiker der Wasseraffen-Theorie ein Argument, dem man sich nur schwer entziehen kann. Es lautet: Die Flüsse und Seen in Ostafrika waren damals voller riesiger Krokodile und anderer gefährlicher Raubtiere. Die nur 1,20 Meter kleinen und praktisch wehrlosen Hominiden wären für diese gefräßigen Räuber eine leichte Beute gewesen. Ein aufrecht durch Wasser watender Primat hätte damals null Chance gehabt, einen solchen Ausflug zu überleben - es sei denn, er hieße King Kong.
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