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Die explosionsartige Ausbreitung neuer Spezies ist eine Fata Morgana
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Die explosionsartige Ausbreitung neuer Spezies ist eine Fata Morgana

Die Geschichte wird von den Siegern geschrieben, hat Winston Churchill einmal gesagt. Möglicherweise gilt das auch für die Evolution. Zu diesem Ergebnis kommen jedenfalls der Paläontologe Dr. Graham Budd von der Universität Uppsala und der Statistiker Dr. Richard Mann von der Universität Leeds, nachdem sie die explosionsartige Ausbreitung des Lebens vor 500 Millionen Jahren mathematisch analysiert haben.
Schaut man sich den Fossilbestand an, dann scheinen sich neue Lebensformen, Gattungen und Arten manchmal schlagartig und ohne lange Vorlaufzeit ausgebreitet zu haben. Sie waren plötzlich da - und zwar in ungeheuer großer Zahl und mit enormer Artenvielfalt. Bislang hat man dafür keine plausible Erklärung finden können. Doch jetzt sagen Budd und Mann: "Dabei handelt es sich um eine statistische Verzerrung."

Massenhafte Ausbreitung aller heutigen Tierstämme

Das bekannteste Beispiel für die massenhafte Ausbreitung neuer Lebensformen in ganz kurzer Zeit ist die sogenannte Kambrische Explosion, die vor 500 Millionen Jahren stattfand. Plötzlich sind die Sedimentschichten voll mit Fossilien ganz neuer Tierstämme, während in den Milliarden Jahren davor nur Einzeller und Mikroorganismen gelebt haben. Millionen Gattungen und Arten scheinen urplötzlich vom Himmel gefallen zu sein.
Etwas Ähnliches ereignete sich vor 230 Millionen Jahren. Schlagartig tauchten die Dinosaurier auf. Und zwar nicht ein paar von ihnen, die sich langsam entwickelt und ausgebreitet haben, sondern unser Planet war plötzlich voll davon. Zumindest sieht es im Fossilbestand danach aus.
Was beinahe noch erstaunlicher ist. Danach machte die Evolution im gewohnten Schneckentempo weiter. So dauerte es 100 Millionen Jahre, bis der T. Rex entstand. Und weitere 40 Millionen Jahre vergingen, bis die Raptoren ihre ersten Beutezüge starteten. Und blickt man auf die Säugetiere, dann brauchte der Mensch über 200 Millionen Jahre, um die Erde betreten zu dürfen.

Ungelöstes Rätsel der Evolution

Natürlich haben die Forscher versucht, sich dieses plötzliche, parallele Auftreten so vieler neuer Spezies zu einem bestimmten Zeitpunkt der Evolution zu erkären. Doch eine wirklich plausible und überzeugende Theorie ist nicht dabei herausgesprungen. Es scheint einfach Zeitpunkte im Laufe der Erdgeschichte zu geben, an denen das Leben unvermittelt eine neue Richtung einschlägt und schlagartig Millionen neue Lebensformen hervorbringt. Und fast alle Arten, die in den Jahrmillionen davor gelebt haben, sterben in kurzer Zeit aus.
Die explosionsartige und erdumspannende Ausbreitung neuer Lebenformen gehört zu den großen ungelösten Rätseln der Evolution. Und so bezeichnete das amerikanische Time-Magazin die Kambrische Explosion in einer großen Titelstory einmal als "Evolution's Big Bang" - was impliziert, dass wir darüber genauso wenig wissen wie über die Entstehung des Universums.

Statistische Fata Morgana?

Das ist alles Quatsch, sagen jetzt Dr. Graham Budd und Dr. Richard Mann in einer neuen Studie, die im Fachmagazin "Evolution" veröffenlicht wurde. Budd ist Paläontologe an der schwedischen Universität Uppsala, Mann mathematischer Statistiker an der britischen Universität Leeds.
Die beiden haben mit mehreren mathematischen Modellen die Entstehung und Ausbreitung neuer Spezies statistisch berechnet. Und sie kommen zu dem Ergebnis, dass es diese Explosionen des Lebens nie gegeben hat und dass es sich um eine statistische Fata Morgana handelt.

Verzerrung durch den heutigen Blickwinkel

Die Argumentation der Forscher lautet so: Neue Tierfamilien und Gattungen sind nur erfolgreich, wenn es ihnen gelingt, sich in der Anfangsphase ihrer Evolution schnell in viele Arten aufzuspalten und viele ökologische Nischen zu besetzen. Gelingt ihnen das nicht, dann sterben sie schnell wieder aus. Doch wenn sie erfolgreich sind, dann dominieren sie den Fossilbestand der folgenden Jahrmillionen. Und dadurch entsteht der falsche Eindruck, dass sie spontan und in kurzer Zeit entstanden sind.
Was die Paläontologen in den letzten 150 Jahren ausgegraben haben, gibt nur einen kleinen Ausschnitt der Evolution wieder, sagen Budd und Mann. All unsere Erkenntnisse basieren auf Fossilien, die von den großen, erfolgreichen Tiergruppen stammen, die sich durchgesetzt haben. Über die vielen Verlierer dieses Evolutionsprozesses wissen wir nur ganz wenig. Und dadurch ergibt sich ein statistisch verzerrtes Bild. Salopp könnte man sagen: Churchill hatte recht, die Geschichte wird von den (Evolutions-)Siegern geschrieben und entspricht nur bedingt der Realität.

Eingeschränkter Blickwinkel

Fazit der Forscher: Eine "Explosion des Lebens" hat es nie gegeben. Es sieht nur aus unserem heutigen Blickwinkel so aus. Und der ist extrem eingeschränkt, weil wir so viel über die großen und erfolgreichen Spezies wissen, aber nur sehr wenig über die ... nennen wir sie mal Verlierer des Evolutionskrieges.
Das Ganze ist natürlich eine steile These mit viel Zündstoff. Und man muss abwarten, ob sie der wissenschaftlichen Überprüfung durch die Fachwelt standhält. Schließlich hat Winston Churchill auch gesagt: "Mit dem Geist ist es wie mit dem Magen. Man sollte ihm nur Dinge zumuten, die er verdauen kann."
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