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Die Neandertaler nutzen ihre Hände anders als der Homo sapiens

Die Neandertaler nutzen ihre Hände anders als der Homo sapiens
Zeig mir deine Hand und ich sag dir, was du tust. Forscher haben die Hände von Neandertalern und Homo sapiens verglichen und kommen zu interessanten Ergebnissen.
Foto: © Ramuck
Die Neandertaler besaßen deutlich robustere Handknochen als der Homo sapiens. Daher ging man bislang davon aus, dass sie eher grobmotorisch veranlagt waren und ihre Hände nicht so filigran nutzen wie der frühe moderne Mensch. Doch ein Forscherteam unter der Leitung von Katerina Harvati von der Universität Tübingen hat das nun widerlegt.
Um herauszufinden, wie die Neandertaler und der frühe Homo sapiens ihre Hände genutzt haben, haben Harvati und ihre Kollegen sechs Neandertertaler-Hände und sechs Hände von Vertretern des modernen Menschen verglichen. Besonderes Augenmerk legten sie dabei auf die Enthesen, also die Knochenbereiche, an denen sich die Muskelansätze befinden.

Die Muskeln hinterlassen Spuren auf den Knochen

Der Mensch verfügt über zwei Griffe, um Gegenstände in die Hand zu nehmen. Der eine nennt sich Kraftgriff, bei dem die gesamte Hand eingesetzt wird - zum Beispiel, wenn wir einen Hammer in die Hand nehmen. Den anderen bezeichnet man als Präsizionsgriff, bei dem hauptsächlich der Daumen und der Zeigefinder zum Einsatz kommen - zum Beispiel, wenn wir einen kleinen Gegenstand aufheben.
Beide Griffarten "trainieren" die Handmuskeln. Und je nachdem, welcher Griff häufiger zum Einsatz kommt, entwickeln sich andere Muskelansätze, die wiederum andere Enthesen auf den Knochen hinterlassen.
Bislang ging man davon aus, dass die Neandertaler aufgrund ihrer robusten Anatomie vor allem den Kraftgriff verwendeten. Der frühe Homo sapiens dagegen soll häufiger den Präzisionsgriff genutzt haben, weil er filigranere Arbeiten ausführte und sogar Kunst produzierte (Statuetten, Höhlenmalereien).

Hauptsächlich Präzisionsgriff

Wir können das nicht bestätigen, sagen Katerina Harvati und ihre Kollegen nach der Analyse von sechs fossilen Neandertaler- und Homo sapiens-Händen. Die Forscher haben festgestellt, dass alle sechs untersuchten Neandertaler vorrangig den Präzisionsgriff genutzt haben. Das belegen die Enthesen auf ihren Handknochen.
Ein anderes Bild ergab sich beim modernen Menschen. Einige von ihnen nutzten vor allem den Präzisionsgriff, andere überwiegend den Kraftgriff. Die Forscher deuten das als Hinweis darauf, dass diese Menschen unterschiedliche Tätigkeiten ausgeführt haben und dass es schon beim frühen Homo sapiens so etwas wie Arbeitsteilung gab.

Nun passt wieder alles zusammen

"Unsere Ergebnisse stellen die bisherige Interpretation des Neandertaler-Verhaltens in Frage", schreiben die Forscher in ihrer Studie. "Und sie verbinden die biologischen Überreste mit den kulturellen Hinterlassenschaften des Neandertalers."
Die Studien der letzten Jahre haben gezeigt, dass der Neandertaler keineswegs so schlicht war, wie man lange dachte. Seine Technologien unterschieden sich nicht wesentlich von denen des Homo sapiens. Und es gibt Hinweise, dass auch die Neandertaler Schmuck hergestellt und Höhlenmalereien produziert haben. Und dazu benötigt man definitiv den Präzisionsgriff.

Die Neandertaler waren Allrounder

Fazit der Forscher: Die Neandertaler nutzten häufig den Präsizionsgriff, um filigrane Arbeiten auszuführen. Außerdem waren sie Allrounder. Jeder konnte alles. "Da gab es keine substanziellen Unterschiede zwischen den einzelnen Individuen", so Katerina Harvati.
Anders sah es wahrscheinlich beim frühen modernen Menschen aus. Bei ihm scheint es bereits eine Spezialisierung auf bestimmte Tätigkeiten gegeben zu haben. Die Dinge des täglichen Lebens wurden arbeitsteilig erledigt. Einige gingen auf die Jagd, andere stellten Werkzeuge her oder sammelten Früchte, wieder andere widmeten sich der Produktion von kulturellen Gegenständen.
Die neue Studie widerlegt also nicht nur das Bild vom tumben Neandertaler, sondern liefert auch einen interessanten Hinweis darauf, worin sich die beiden Menschenarten unterschieden haben. Die Homo sapiens-Sippen scheinen bereits arbeitsteilig und damit moderner organisiert gewesen zu sein als die deutlich kleineren Neandertaler-Gruppen. Und möglicherweise machte das den Unterschied aus, als der Neandertaler vor 40.000 Jahren ausstarb, während der moderne Mensch überlebt hat.
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Richard Dawkins

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