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Hört auf, nach uralten Knochen zu suchen, das ist überholt

Hört auf, nach uralten Knochen zu suchen, das ist überholt
Die Paläogenetik macht gewaltige Fortschritte. Es gibt Forscher, die glauben, dass sie die klassische Paläoanthropologie schon bald ersetzen wird.
Foto: © El Sidron Forschungsteam
Ist die klassische Paläoanthropologie überflüssig geworden? Seit es Genetikern des Max Planck Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig gelungen ist, menschliche DNA aus den Sedimentschichten mehrerer europäischer Höhlen zu "fischen" und zu analysieren, braucht man keine fossilen Knochen mehr, um herauszufinden, welche Menschenart dort gelebt hat.
Es gibt Forscher, die empfehlen ihren Studenten bereits, das klassische Knochensuchen komplett zu vergessen und sich voll auf die Paläogenetik zu stürzen. Das sei der Wissenschaftsbereich der Zukunft. Ein Rat, der von den Vertretern der klassischen Paläoanthropologie nicht gerade frenetisch beklatscht wird.

Die Wahrheit steckt im Höhlenboden

Was den Leipziger Genetikern gelungen ist, kann sich wahrhaft sehen lassen. Da es Gesteine gibt, die über Jahrtausende uralte DNA binden, haben sie eine Methode entwickelt, um diese aus dem Boden einer Höhle herauszufiltern, von Fremd-DNA zu trennen (Tiere, Pflanzen, Bakterien) und zu rekonstruieren.
Ein erster Testlauf war überaus beeindruckend. In vier von sieben untersuchten Höhlen in Belgien, Frankreich, Kroatien, Russland und Spanien sind die Leipziger Forscher auf menschliche DNA gestoßen. Acht der neun verwertbaren Proben stammten von Neandertalern, eine von einem Denisovamenschen. Und das hat man herausgefunden, ohne auch nur einen einzigen menschlichen Knochen freigelegt zu haben.
Studienleiter Svante Pääbo: "Anhand von DNA-Spuren im Sediment können wir nun an Fundorten und in Gebieten die Anwesenheit von Urmenschen nachweisen, wo dies mit anderen Methoden nicht möglich ist."

Ihr solltet lernen, DNA im Boden zu finden

Sieht man mal von wenigen Ausnahmen ab, dann stammen alle wichtigen Studien der letzten Jahre aus den Laboren der Genetiker. Und da ist es keine Überraschung, dass Dr. Chris Tyler-Smith vom renommierten Sanger Institute kürzlich jungen Nachwuchsforschern auf einer Konferenz in London empfahl, die Suche nach menschlichen Knochen einzustellen (Give ist up) und stattdessen lieber zu lernen, wie man DNA aus Bodenschichten extrahiert.

Wir brauchen das gesamte Bild

Der britische Guardian hat Professor Chris Stringer vom Natural History Museum in London zu diesem Ratschlag befragt. Und Stringer, einer der weltweit führenden Paläoanthropologen, hat da so seine Bedenken.
Stringer: "Das Studium alter Genome ist sicherlich eine hervorragende Ergänzung unserer bisherigen Arbeitstechniken. Aber wir brauchen weiterhin physische Beweise, die uns erzählen, wie diese Menschen ausgesehen haben, wie sie lebten, ob sie ihre Toten bestattet oder Höhlen bemalt haben. Wir brauchen das gesamte Bild."

Kritik und ein Hauch Alchemie

Außerdem scheint es Paläoanthropologen zu geben, die Zweifel an der Zuverlässigkeit der neuen Methode haben, menschliche DNA im Höhlenboden zu finden und von Fremd-DNA zu trennen. Ein Forscher, der namentlich nicht genannt wird und offenbar anonym bleiben will, wird im Guardian mit den Worten zitiert: "Das ist ungefähr so, als würde man Goldstaub aus der Luft extrahieren."
Tatsächlich sind die teils spektakulären Forschungsergebnisse der Leipziger Genetiker (Homo sapiens und Neandertaler hatten Sex, ein 13-jähriges Mädchen aus dem Kaukasus hatte eine Neandertaler-Mutter und einen Denisova-Vater) nicht ganz unumstritten. Vor allem US-amerikanische und britische Experten weisen immer wieder darauf hin, dass es auch alternative Erklärungen für die genetischen Befunde gibt. Doch so, wie die Leipziger Forscher ihre "Stories" der Presse anbieten, werden sie natürlich gerne gedruckt.
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Ein Experte ist ein Mann, der hinterher genau sagen kann, warum seine Prognose nicht gestimmt hat.
Winston Churchill

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