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Ist die Evolution berechenbar oder nur ein planloses Chaos?

Ist die Evolution berechenbar oder nur ein planloses Chaos?
Besteht die Evolution nur aus Zufall und Chaos? Oder folgt sie klaren Regeln und ist berechenbar? Der Paläobiologe Simon Conway Morris hat dazu eine klare Meinung.
Foto Morris: © University of Cambridge
Der Mann sieht ein bisschen so aus wie der junge Stephen King. Und er vertritt eine Theorie, die andere Evolutionsbiologen einfach nur gruselig finden. Man bezeichnet sie als Konvergenztheorie. Die Rede ist von Simon Conway Morris, Professor für Paläobiologie an der Universität Cambridge.
Morris ist Verfechter und Mitbegründer der sogenannten Konvergenztheorie. Die besagt grob skizziert: Könnte man die Uhr noch einmal zurückdrehen, dann würde sich das Leben auf der Erde wieder genauso entwickeln wie in den letzten 500.000 Jahren. Alle Lebensformen würden so, wie wir sie heute kennen, noch einmal neu entstehen. Auch der Mensch.

Ist die Evolution vorhersagbar?

Morris ist davon überzeugt, dass sich die heutigen Lebensformen nicht durch genetische Zufallsmutationen entwickelt haben, sondern ausschließlich durch die Anpassung an den Lebensraum Erde. Und dadurch sind der Evolution enge Grenzen gesetzt. Wenn man der Evolution nur genügend Zeit lässt, dann wird sie immer wieder die gleichen Lebensformen hervorbringen. Salopp könnte man sagen: Evolution ist vorhersagbar.
Wo es Wasser gibt, da wird es Flossen geben, sagt Morris. Wo Luft ist, da werden Flügel wachsen. Und wo ein großes Gehirn ist, da wird sich Intelligenz entwickeln. Dass Evolution stattfindet, ist zwar unumstritten, so Morris, aber wenn man genau hinschaut, dann besteht alles Leben auf der Erde aus den gleichen Bausteinen. Und die entwickeln sich immer wieder aufs Neue.

Aliens würden wie wir aussehen

Mit dem häufig kolportierten Satz, dass es den Menschen heute gar nicht geben würde, wären die Dinosaurier vor 66 Millionen Jahren nicht von einem Asteroiden ausgelöscht worden, kann Morris wenig anfangen. In einem Interview mit dem ORF sagte er einmal: "Wären die Dinosaurier nicht durch eine natürliche Katastrophe ausgerottet worden, dann hätten das eines Tages die Menschen durch Jagd erledigt."
Morris geht noch einen Schritt weiter. Da sich Leben nur auf einem erdähnlichen Planeten mit flüssigem Wasser, gemäßigten Temperaturen und einer Atmosphäre entwickeln kann, unterliegt die Evolution überall im Universum den gleichen Gesetzen und folgt den gleichen Bauplänen. Sollte es dort Aliens geben, dann sind sie uns wahrscheinlich sehr ähnlich.

Oder doch nur Zufall und Chaos?

Wie alle großen Denker hat Simon Conway Morris einen großen Gegenspieler. Es ist der inzwischen verstorbene Evolutionsbiologe Stephen Jay Gould. Gould hat mit einigen Kollegen das Gegenstück zur Konvergenztheorie entwickelt. Sie nennt sich Kontingenztheorie.
Laut Kontingenztheorie folgt die Evolution keinerlei Mustern, kennt keinen Fortschritt und kein Ziel. Jede Entwicklung ist zufällig und keine berechenbare adaptive Anpassung an einen bestimmten Lebensraum. Wie sich das Leben entwickelt, hängt vor allem von Zufällen ab - von unvorhersehbaren Naturereignissen, Klimaveränderungen, sporadisch auftretenden Mutationen. Die Evolution verläuft chaotisch und unterliegt keinerlei Regeln.
Mit anderen Worten: Könnte man die Uhr noch einmal 500.000 Jahre zurückdrehen, dann würde sich das Leben auf der Erde ganz anders entwickeln und ganz andere Lebensformen hervorbringen, als wir sie heute kennen. Den Menschen würde es wahrscheinlich nicht geben.

Wir wissen fast nichts

Zwei hochdekorierte Forscher, zwei völlig kontroverse Theorien. Hier eine Evolution, die von Zufall und Chaos bestimmt wird (Gould), dort eine Evolution, die klaren Regeln folgt und letztendlich zu einem vorbestimmten Ziel führt (Morris).
Simon Conway Morris wird oft vorgeworfen, dass die Konvergenztheorie eine religiöse Komponente beinhaltet. Und da ist sicherlich etwas dran. Schließlich ist Morris überzeugter Christ. Und so sagte er im bereits oben zitierten ORF-Interview: "Ich glaube, dass wir in einer Welt leben, die weit über jede Wissenschaft hinausgeht. Wir wissen nicht, ob wir auch nur annähernd einen Bruchteil dessen wissen, was es zu wissen gibt. Und mein Verdacht ist: Wir wissen fast gar nichts."
Letztlich geht es um die Frage: Ist Evolution ein Spiel, das nach klaren Regeln und mit einem vorgegebenen Ziel gespielt wird, oder ein planloses Chaos, das ins Werweißwohin führt? Die Antwort darauf steht noch aus.
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