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Stammt der Mensch vom Hirsch ab? Über einen "Wahnsinnsfund"

Stammt der Mensch vom Hirsch ab? Über einen Wahnsinnsfund
Haben am deutschen Rhein hominiden-ähnliche Menschenaffen gelebt? Ein Sensationsfund entwickelt sich gerade zur Posse.
Symbolbild
Im Jahr 2017 luden Wissenschaftler des Naturhistorischen Museums Mainz zu einer bemerkenswerten Pressekonferenz ein. Sie verkündeten vor versammelter Medienschar, dass sie in Rheinhessen zwei fossile Zähne gefunden haben, die ihrer Meinung nach von einem ausgestorbenen Menschenaffen stammen und dass diese Zähne große Ähnlichkeit mit den Zähnen afrikanischer Hominiden aufweisen. Hatte man einen bislang unbekannten Vorfahren des Menschen entdeckt? In Deutschland?
Das Medienecho war gewaltig. "Fossile Zähne aus der Zeit vor 9,7 Millionen Jahren könnten die Geschichte des Menschen umschreiben", hieß es bei der New York Post. Und der deutsche Spiegel schrieb: "Vater Rhein, Wiege der Menschheit?" Eine englischsprachige Wissenschaftsseite fragte sogar: "Out of Africa or Out of Germany?"
Doch nun scheint sich der "Wahnsinnsfund" (O-Ton von Projektleiter Herbert Lutz) zu einer peinlichen Posse zu entwickeln. Immer mehr Experten sagen: Was für ein Unsinn!

Warum hat man keinen Spezialisten hinzugezogen?

Als erster meldete sich Anthropologie-Professor David Begun von der Universität Toronto zu Wort. Seiner Meinung nach stammt einer der beiden Zähne von einem Menschenaffen der Gattung Anapithecus. Und von denen hat es vor 10 Millionen Jahren in Deutschland zahlreiche Arten gegeben, so Begun, das ist seit langem bekannt und alles andere als eine Sensation.
Doch es kommt noch dicker. Der andere Zahn, so Begun, hat mit Menschenaffen rein gar nichts zu tun. Er soll von einem Widerkäuer stammen. Und Begun stellt die provokante Frage: "Warum haben die keinen Spezialisten hinzugezogen? Der hätte das sofort erkannt."
Dr. Madelaine Böhme vom Senckenberg Centre for Human Evolution in Frankfurt ist der gleichen Meinung wie der kanadische Professor. Sie konnte den Zahn des Widerkäuers sogar identifizieren. Beim vermeintlichen Sensationsfund handelt es sich um das abgebrochene Teilstück eines Hirschzahns, sagt Böhme.

Versammeltes Unwissen

Alles ziemlich peinlich. Doch wie konnte so etwas passieren? Schaut man sich die Qualifikation der beteiligten Wissenschaftler an, dann wird einiges klarer. Keiner der Forscher kennt sich mit Primaten oder fossilen Zähnen aus. Sie haben sich nach eigenen Angaben in diese Fachgebiete eingelesen. Und Projektleiter Lutz beschäftigt sich hauptamtlich mit Insekten.
Doch die Schlusspointe kommt erst noch. Trotz der Kritik ausgewiesener Experten halten die Mainzer Forscher an ihrer Interpretation der Fossilien fest. Die beiden Zähne sollen von einem hominiden-ähnlichen Menschenaffen stammen, der vor 10 Millionen Jahren in Deutschland gelebt hat. Und für die Tatsache, dass sie keine echten Experten hinzugezogen haben, liefern die Mainzer Forscher eine überraschende Erkärung: Der wissenschaftliche Ruhm sollte in der Region bleiben. Schließlich hätten das Land Rheinland-Pfalz und die Stadt Mainz viel Geld in das Projekt investiert. Die örtliche Presse spricht von 800.000 Euro.
"Publish or perish" ist in der Wissenschaft ein geflügeltes Wort. Veröffentliche oder stirb. Nur wer etwas Spektakuläres vorzuweisen hat, darf mit weiteren Fördergeldern rechnen. Aber man kann es auch übertreiben.
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EVOLUTION & MEINUNG

Es wird ja fleißig gearbeitet und viel mikroskopiert, aber es müsste mal wieder einer einen gescheiten Gedanken haben.
Rudolf Virchow

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