Startseite Antropus
Menschen. Urmenschen. Hominiden
Forscher. Fossilien. Artefakte
Menübutton

Der moderne Mensch Homo sapiens hat sich selbst domestiziert

Der moderne Mensch Homo sapiens hat sich selbst domestiziert
Homo sapiens und Neandertaler sehen nicht nur anatomisch anders aus, sondern sie scheinen sich auch sozial in unterschiedliche Richtungen entwickelt zu haben.
Foto: © Boeckx et al., Plos One
HAUSSCHWEIN-EFFEKT Der Mensch hat evolutionär betrachtet einen langen Weg hinter sich. Vor 7 Millionen Jahren entstand der erste aufrecht gehende Hominide, vor 2 Millionen Jahren der Urmensch Homo erectus und vor 200.000 Jahren der moderne Mensch, wie wir ihn heute kennen.
In dieser langen Zeit hat sich nicht nur das Aussehen des Menschen stark verändert, sondern auch sein Sozialverhalten. Er weist inzwischen viele Merkmale und Verhaltensweisen auf, die man von domestizierten Tieren kennt. Und spanische Forscher haben genetische Hinweise darauf gefunden, dass sich der Mensch selbst domestiziert hat.

Gen-Varianten wie bei Hund und Hausvieh

Professor Cedric Boeckx von der Universität Barzelona und sein Team haben im Erbgut domestizierter Tierarten nach Genen gesucht, die sie von ihren wild lebenden Vorfahren und Verwandten unterscheiden. Anschließend haben sie im Erbgut moderner Menschen nach vergleichbaren Gen-Varianten gesucht und nachgeschaut, ob sie in der DNA von Neandertaler und Denisova-Mensch ebenfalls vorhanden sind.
Ergebnis: Diese - nennen wir sie mal - Domestizierungs-Gene gibt es nur beim modernen Menschen und bei domestizierten Tierarten, nicht aber bei Wildtieren, Neandertalern und Denisovas. Der Homo sapiens hat sich genetisch ähnlich von seinen archaischen Vettern und Vorfahren entfernt wie der Hund vom Wolf oder das Hausvieh vom Wisent.

Sexuelle Selektion

Sollten die spanischen Forscher recht haben, dann ist der heutige Mensch eine domestizierte Variante des Urmenschen. Ein Forscher hat das mal als Hausschwein-Effekt bezeichnet. Doch wer hat den Menschen domestiziert? Er selbst, sagen die spanischen Forscher. Durch sexuelle Selektion. Friedliche und soziale Charaktere hatten bei der Partnersuche mehr Erfolg und mehr Nachwuchs. Dadurch haben sich ihre Gene verbreitet.
"Unsere Ergebnisse unterstützen die Hypothese, dass sich der Mensch selbst domestiziert hat", schreiben Cedric Boeckx und seine Kollegen. "Und sie werfen ein neues Licht auf einen Aspekt, der uns menschlich gemacht hat - unser sozialer Instinkt."

Ähnlicher Effekt bei den Bonobos

Die Studie wirft natürlich viele Fragen auf. So rüttelt sie an den Ergebnissen vieler Forschungsarbeiten, die in den letzten Jahren zu dem Ergebnis kamen, dass sich Neandertaler und früher moderner Mensch sehr ähnlich waren. Der Neandertaler soll sich fürsorglich um seinen Nachwuchs gekümmert, Alte und Kranke gut versorgt und seine Toten zivilisiert bestattet haben.
Für die These der Selbst-Domestikation spricht hingegen, dass man bei den Bonobos einen ähnlichen Effekt beobachtet hat. Bonobos sind deutlich friedfertiger und sozialer als Schimpansen, ihre nächsten Verwandten. Und diese Unterschiede lassen sich allein mit unterschiedlichen Lebensräumen und Selektionsdruck nicht erklären.

Es kommt doch auf die Größe an

Auf der anderen Seite stellt sich die Frage, warum sich der Homo sapiens anders entwickelt haben soll als der Neandertaler oder die Denisovas. Warum wurde er "zahm", während seine Verwandten "wild" blieben? Eine Erklärung könnte sein, dass der frühe moderne Mensch in deutlich größeren Gruppen lebte. Und da waren andere Qualitäten gefragt als in einer 10-köpfigen Neandertalersippe.
Diese Theorie wird von einer Studie unterstützt, die Maxime Derex von der Universität Toulouse und ihre Kollegen bereits im Jahr 2013 veröffentlicht haben. Die französischen Forscher haben mit Computermodellen berechnet, wie sich die Gruppengröße auf die Kultur und das Sozialverhalten einer Population auswirkt. Und sie kamen zu dem Ergebnis, dass große Menschengruppen die Entwicklung einer fortschrittlichen Kultur begünstigen. Es kommt offenbar doch auf die Größe an.
Schaut man sich die heutige Welt mit all ihren Kriegen und Konflikten an, dann stellt man sich unwillkürlich die Frage: Wie schlimm würde es wohl zugehen, wenn es die "wilden" Neandertaler und Denisovas noch gäbe? Ist vielleicht doch keine so gute Idee, ausgestorbene Menschenarten zu klonen und wieder auferstehen zu lassen.
Der geheimnisvolle Mongolanthropus war ein Homo sapiens
Darwin's Schnabeltheorie lässt sich statistisch nicht belegen
Button Über Charles Darwin und die Evolutionstheorie
Button Wie funktioniert eigentlich Evolution?
Button Fossilien sind seltener als Diamanten
Button Menschen und Hominiden nach Gattung und Art
PALÄO UPDATE
Fit für die Arktis: Denisova Gene haben Inuit winterfest gemacht

EVOLUTION & MEINUNG

Die Menschen müssen begreifen, dass sie das gefährlichste Ungeziefer sind, das je die Erde bevölkert hat.
Friedensreich Hundertwasser

Diese Beiträge könnten Sie ebenfalls interessieren

Forscher sicher: Die Neandertaler waren Jäger und keine Fischer
PALÄO NEWS
Der Megalith-Steinkreis stammt aus der französischen Bretagne
Das Aussterben der Großsäuger begann schon vor dem Menschen
Homo rudolfensis und Paranthropus haben das Gleiche gegessen
Übersicht: Alle neuen Beiträge in chronologischer Reihenfolge »