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Ob es ein Fossil in den Stammbaum schafft, ist oft Glückssache

Ob es ein Fossil in den Stammbaum schafft, ist oft Glückssache
Der Rotwildhöhlen-Mann von Darren Curnoe (Foto) hat es nicht in den Stammbaum des Menschen geschafft. Der umstrittene Kenyanthropus platyops dagegen schon.
Foto: © Darren Curnoe
Der Stammbaum des Menschen umfasst heute etwa zwei Dutzend verschiedener Hominiden. Die Palette reicht vom 7 Millionen Jahre alten Sahelanthropus tchadensis bis zum erst vor 60.000 Jahren ausgestorbenen Zwergmenschen Homo floresiensis.
Viele Gattungen, Arten und Unterarten sind gut erforscht und werden von allen Paläoanthropologen anerkannt. Es gibt aber auch kladistische Außenseiter, denen nie die Anerkennung zuteil wurde, die sich ihre Entdecker erhofft hatten. Andere Funde dagegen sind fester Bestandteil des menschlichen Stammbaums geworden, obwohl man Zweifel haben darf, dass ihnen diese Ehre zurecht gewährt wurde.

Ein prominenter Name kann helfen

Einer dieser umstrittenen Funde ist der Kenyanthropus platyops. Er wurde im Jahr 2001 von Meave und Louise Leakey entdeckt und aufgrund seiner ungewöhnlichen anatomischen Merkmale (ein bisschen Australopithecus, ein bisschen Paranthropus, ein bisschen Homo rudolfensis) nicht nur als neue Art, sondern sogar als neue Gattung ausgewiesen.
Einem Allerweltsforscher hätte man das nicht durchgehen lassen. Der Kenyanthropus wäre wahrscheinlich als nicht eindeutig klassifizierbarer Australopithecus im Regal des Vergessens gelandet. Doch der Schädelfund hat heute einen festen Platz in beinahe jedem publizierten Stammbaum. Warum? Weil die Entdeckerinnen einen überaus prominenten Namen tragen. Die Leakeys sind eine bedeutende und einflussreiche Forscher-Dynastie.

Nein, den wollen wir nicht

Weniger Glück hatte der "kleine" australische Paläoanthropologie-Professor Darren Curnoe. Er entdeckte in mehreren chinesischen Höhlen die Fossilien von Menschen, die noch vor 14.000 Jahren gelebt haben, aber im Gegensatz zum Homo sapiens noch sehr ursprünglich aussahen und anatomisch sogar eine gewisse Ähnlichkeit mit dem ausgestorbenen Urmenschen Homo erectus aufweisen.
Die Funde aus der südchinesischen Provinz Yunnan repräsentieren nach Ansicht Curnoes eine archaische Menschenart, die noch parallel zu Homo sapiens existiert hat, als der Neandertaler längst ausgestorben war. Es handelt sich also um überaus interessante und ungewöhnliche Fossilien. Doch im Gegensatz zum Kenyanthropus platyops haben es Curnoes Knochen nicht in den Stammbaum des Menschen geschafft. Seine Kollegen interpretieren die Funde als "moderne Menschen mit ungewöhnlicher Anatomie" oder sogar als "Hybriden aus Homo sapiens und Denisovas". Was sich plausibler anhört, möge jeder selbst entscheiden.

Das traurige Schicksal der Einzelfunde

Besonders schwer, als neue Menschen- oder Hominidenart anerkannt zu werden, haben es Einzelfunde. Also versteinerte Knochen oder Zähne, von denen man nur ein einzelnes Exemplar an einem einzigen Ort entdeckt hat. Sie schaffen so gut wie nie den Sprung in den Stammbaum des Menschen - selbst dann, wenn vieles darauf hindeutet, dass diese Fossilien von bislang völlig unbekannten Menschen- oder Hominidenarten stammen.
Beispiele für diese "ignorierten" Fossilien sind ein Unterkiefer mit der Katalognummer LD 350-1 aus Äthiopien (möglicherweise der älteste Vertreter der Gattung Homo), ein Schädeldach aus Italien (möglicherweise der Vorfahre des Homo heidelbergensis) und ein Unterkiefer aus Taiwan (die Entdecker haben Homo tsaichangensis vorgeschlagen). Alle drei Fossilien haben eigentlich das Potenzial, von bislang unbekannten Menschenarten zu stammen und als solche ausgewiesen zu werden. Doch weil es sich um Einzelfunde handelt, ist es nie dazu gekommen.

Umstritten und dennoch etabliert

Deutlich mehr Glück hatte der Franzose Michel Brunet mit dem Sahelanthropus tchadensis und dem Australopithecus bahrelghazali, die er im zentralafrikanischen Tschad ausgegraben hat - also weitab von der Wiege der Menschheit in Ost- und Südafrika.
Beide Funde widersprechen der etablierten Theorie, dass sich die ersten Hominiden östlich des Ostafrikanischen Grabens entwickelt haben - worauf alle anderen Fossilfunde dieser Zeit hindeuten. Deshalb glauben nicht wenige Forscher, dass es sich bei Brunet's Fossilien nicht um Hominiden handelt, sondern um ausgestorbene Menschenaffen. Dennoch sind der Sahelanthropus und der A. bahrelghazali heute fester Bestandteil des menschlichen Stammbaums. Wer das versteht, möge den Finger heben.

Fossilien zusammengepuzzelt?

Jüngster Sproß der Menschenfamilie ist der Homo naledi, der im Jahr 2015 in Südafrika entdeckt wurde. Es handelt sich um eine sehr ursprüngliche Menschenform mit einem winzig kleinen Gehirn und vielen affenartigen Merkmalen, die noch vor etwa 300.000 Jahren gelebt haben soll - also zu einer Zeit, als sich bereits der deutlich modernere Homo sapiens und der Neandertaler entwickelten.
Der Homo naledi hat zahlreiche Kritiker. Renommierte Forscher wie Jeffrey H. Schwartz und Ian Tattersall sind der Meinung, dass die einzelnen Fundstücke nicht zueinander passen und dermaßen unterschiedlich sind, dass sie von zwei unterschiedlichen Arten stammen müssen. Ins gleiche Horn blasen italienische Anatomen, die festgestellt haben, dass sich die Wirbelsäulen der einzelnen Individuen extrem voneinander unterscheiden.
Es besteht also zumindest der Verdacht, dass Entdecker Lee Berger und sein Team da Knochen zusammengepuzzelt haben, die von mindestens zwei verschiedenen Spezies stammen. Trotzdem hat der Homo naledi mühelos den Sprung in den Stammbaum des Menschen geschafft. Dabei dürfte geholfen haben, dass sich ein großes einflussreiches Wissenschaftsmagazin die Exklusivrechte an den Ausgrabungen sicherte und den "Sensationsfund" ordentlich gepusht hat - Treffen Sie Neo!
Frei nach Winston Churchill: Traue keinem Stammbaum, den du nicht selbst erstellt hast. Denn sonst könnte er Gattungen und Arten enthalten, die diesen Status nicht verdienen, während bedeutende und hochinteressante Fossilien einfach unterschlagen werden.
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