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Der Neandertaler ist ausgestorben, weil er ein sesshafter Typ war

Der Neandertaler ist ausgestorben, weil er ein sesshafter Typ war
Steinwerkzeuge und Knochenfunde aus einer tschechischen Höhle verraten viel über ihre unterschiedlichen Bewohner.
Fotos: © Neyman et al. | University of Sydney
Es ist schon viel darüber spekuliert worden, warum der moderne Mensch überlebt hat, während der Neandertaler ausgestorben ist. Australische Forscher haben in einer tschechischen Höhle Hinweise darauf gefunden, dass es möglicherweise die höhere Mobilität war, die dem Homo sapiens den entscheidenen Vorteil verschaffte.
In einer Höhle im Grenzgebiet zwischen der tschechischen Republik und Österreich sind die Forscher auf zehn Sedimentschichten gestoßen, in denen sie 20.000 Steinwerkzeuge, Waffen, fossile Überreste von Beutetieren und pflanzlicher Nahrung sowie eine Knochenkette gefunden haben. Die ältesten Fundschichten sind etwa 50.000 Jahre alt, die jüngsten 28.000 Jahre. Sie stammen also genau aus jener Zeit, als der Homo sapiens Europa besiedelte und der Neandertaler verschwand.

Höhere Mobilität vor 40.000 Jahren

"In den ältesten Fundschichten haben wir ausschließlich Flakes (Werkzeuge) gefunden, deren Material aus dem direkten Umfeld der Höhle stammt", erklärt Dr. Duncan Wright. "Doch vor ungefähr 40.000 Jahren änderte sich das. Die Objekte, die wir in den jüngeren Fundschichten entdeckt haben, wurden über längere Distanzen herangeschafft."
"Irgendwann in der Zeit vor 48.000 bis 40.000 Jahren wurden die Menschen, die diese Höhle genutzt haben, sehr mobil", ergänzt Studienleiter Dr. Ladislav Nejman. "Anstatt sich nur im direkten Umfeld der Höhle aufzuhalten, wanderten sie oft hunderte von Kilometern. Wir wissen dass, weil die Rohmaterialen der jüngeren Steinwerkzeuge aus 100 bis 200 Kilometern Entfernung stammen."

Erst Neandertaler, dann Homo sapiens

Die Forscher glauben, dass die unterschiedlich alten Fundschichten anschaulich den Übergang vom Neandertaler zum Homo sapiens dokumentieren. Zu Beginn wurde die Höhle von kleinen Neandertaler-Gruppen bewohnt, die nur im direkten Umfeld der Höhle gejagt und gelebt haben. Später wurde die Höhle von größeren Homo sapiens-Gruppen genutzt, die deutlich mobiler waren.
Für diese Theorie spricht auch ein ausgehöhlter und verzierter Tierknochen, der wahrscheinlich als Halskette getragen wurde (Foto oben rechts). Er stammt aus den jüngeren Fundschichten und dokumentiert eine neue Kulturstufe, so die Forscher.

Suche nach DNA-Fragmenten

Die Sache hat allerdings einen Haken. Die Forscher haben keinerlei menschliche Fossilien finden können, anhand derer man die Werkzeug- und Waffenfunde dem Neandertaler oder dem Homo sapiens zuordnen konnte. Und solange das der Fall ist, besteht theoretisch die Möglichkeit, dass alle Artefakte vom Neandertaler stammen, der irgendwann sein Verhalten geändert hat.
Um diese Frage zu klären, haben die australischen Forscher Sedimentproben aus allen Fundschichten genommen, um in ihnen nach DNA-Fragmenten zu suchen. Dazu wollen sie eine neue Technik nutzen, die man als "DNA fischen" bezeichnet und die von Forschern des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig entwickelt wurde. Ergebnisse liegen allerdings noch nicht vor.

Sesshaftigkeit als evolutionärer Nachteil

Sollten Dr. Ladislav Nejman und seine Kollegen von der Australian National University und der University of Sydney recht haben, dann gab es zwischen Neandertaler und Homo sapiens einen gravierenden Unterschied. Die Neandertaler waren eher sesshafte Typen, die nicht viel herumwanderten. Der Homo sapiens dagegen war sehr mobil und erkundete auch Regionen, in die der Neandertaler nicht vordrang.
Nejman, Wright und Co. glauben, dass die höhere Mobilität dem Homo sapiens einen Vorteil verschafft haben könnte. Er konnte zum Beispiel auf Ressourcen zurückgreifen, die dem Neandertaler nicht zur Verfügung standen. Außerdem war die Chance größer, anderen Homo sapiens-Gruppen zu begegnen, mit denen man Erfahrungen und Gene (Frauen) austauschen konnte, wodurch Inzucht verhindert wurde.
Die Botschaft der Studie lautet: Der Neandertaler ist möglicherweise ausgestorben, weil er nicht mobil genug war. Seine Sesshaftigkeit könnte ihm im harten Klima der Eiszeit zum Verhängnis geworden sein. Wahrscheinlich blieb er seiner Höhle und seinem Territorium sogar dann treu, wenn sich die Lebensbedingungen und das Nahrungsangebot dramatisch verschlechterten.
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