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Waren diese Menschen wirklich archaisch oder einfach nur anders?

Waren diese Menschen wirklich archaisch oder einfach nur anders?
Vielleicht würde der Homo naledi heute die Erde beherrschen, wenn sich das Ökosystem unseres Planeten auch nur ein kleines bisschen anders entwickelt hätte.
Foto: © Cicero Moraes (Arc-Team) et al, CC BY 4.0 Lizenz
"Die Existenz des Homo naledi macht deutlich, dass wir uns die menschliche Evolution nicht als graduelle, lineare Entwicklungslinie vom affenähnlichen Vorfahren zum modernen Menschen vorstellen dürfen. Tatsächlich haben sich mehrere menschliche Spezies parallel und manchmal in unmittelbarer Nachbarschaft zueinander entwickelt."
Zu diesem Ergebnis kommt Professor Chris Stringer in einem Übersichtsartikel, der auf der Webseite des Natural History Museums in London erschienen ist. Stringer analysiert in seinem Beitrag das rätselhafte Erscheinungsbild der archaisch anmutenden Menschenart Homo naledi, die man erst im Jahr 2015 in Südafrika entdeckt hat.

Homo naledi - Ein seltsamer kleiner Mensch

Fassen wir mal kurz zusammen: Der Homo naledi war definitiv ein Mensch. Allerdings weist sein Körper einen ungewöhnlichen Mix aus modernen und archaischen Merkmalen auf. Die Hände, Handgelenke und Füße waren bereits modern und unterscheiden sich nicht groß von Homo sapiens und Neandertaler.
Dagegen erinnern die gebogenen Finger, das Hüftgelenk, die geringe Körpergröße (1,46 Meter), das kleine Gehirn (ca. 550 ccm) und der Oberkörper an den Vormenschen Australopithecus oder den Frühmenschen Homo habilis - also an Hominiden, die vor über 2 Millionen Jahren gelebt haben.
Was die Fachwelt aber am meisten überrascht hat: Der Homo naledi lebte noch vor 236.000 bis 335.000 Jahren. Also zu einer Zeit, als es in Afrika bereits deutlich moderne Menschenarten wie den Homo heidelbergensis und den archaischen Homo sapiens gab. Menschen, die viel größer waren und viel größere Gehirne besaßen.

Lebte der Homo naledi noch auf Bäumen?

Professor Stringer vermutet, dass der Homo naledi bereits wie seine großen Vettern als Jäger und Sammler lebte, sich aber auch einen Lebensraum bewahrt hatte, den die anderen Menschenarten längst aufgegeben hatten - den Baum.
Die Schultern und die stark gekrümmten Finger lassen vermuten, dass der Homo naledi ein exzellenter Kletterer war und sich häufig in Bäumen aufhielt. Und das könnte erklären, warum sich bei ihm sehr ursprüngliche, von einem affenähnlichen Vorfahren stammende Merkmale erhalten haben, die man bei den anderen Menschenarten dieser Zeit nicht mehr findet.
Stringer: "Für eine so junge Spezies ist es erstaunlich, dass sie noch so viele primitive Merkmale aufweist, wie man sie sonst nur bei zwei Millionen Jahre alten Fossilien findet."

Lange Zeit geographisch isoliert

Der Homo naledi scheint - so wie der in Südostasien entdeckte Homo floresiensis - irgendwie aus der Zeit gefallen zu sein. Er entspricht so gar nicht dem, was man von einem Menschen erwartet, der noch vor 300.000 Jahren gelebt hat.
Für Professor Chris Stringer ist das aber keine große Überraschung. "Vielleicht lebte der Homo naledi einen langen Zeitraum seiner evololutionären Geschichte geographisch isoliert. Oder er hat den direkten Konkurrenzkampf mit den anderen Menschenarten vermieden, indem er viel Zeit auf Bäumen verbrachte."

Warum hat man keine Werkzeuge gefunden?

Ein weiteres Rätsel, das den Homo naledi umgibt, ist die Tatsache, das man bislang keinerlei Werkzeug-Artefakte gefunden hat, die man ihm zuordnen konnte. Dabei sind seine Hände und Handgelenke bereits modern, so dass er definitiv in der Lage gewesen sein muss, Steinwerkzeuge herzustellen.
Chris Stringer glaubt, dass man diese Werkzeug-Artefakte längst gefunden hat und dass sie bereits in südafrikanischen Museen herumliegen. Doch als man diese Werkzeuge entdeckt hat, wusste man noch nichts vom Homo naledi. Und deshalb hat man sie anderen menschlichen Spezies zugeordnet.

Zufallsgenerator Evolution

Die Existenz von Homo naledi und Homo floresiensis machen einmal mehr deutlich, dass die Evolution kein Ziel kennt und alles mehr oder weniger zufällig geschieht. Neben den großen Menschen mit ihren großen Gehirnen haben fast zwei Millionen Jahre lang auch kleine Menschen mit kleinen Gehirnen gelebt. Und lange Zeit haben sie dem Evolutionsdruck und Darwin's "Survival of the Fittest" standgehalten.
Warum diese für heutige Augen archaisch anmutenden Menschen am Ende den Kürzeren gezogen haben und ausgestorben sind, muss noch erforscht werden. Vielleicht waren es Kleinigkeiten, die den Ausschlag gegeben haben. Vielleicht würden die kleinwüchsigen Nachfahren des Homo naledi heute unseren Planeten beherrschen, wenn sich das Ökosystem Erde auch nur ein kleines bisschen anders entwickelt hätte. Und wir wären die Ausgestorbenen.
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EVOLUTION & MEINUNG

Der Nachweis der Evolution ist nach wie vor erstaunlich lückenhaft. Ironischerweise haben wir im Hinblick auf evolutionäre Zwischenstufen heute sogar weniger vorzuweisen als zu Darwins Zeiten.
David M. Raup

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