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Schon der Homo erectus soll über eine komplexe Sprache verfügt haben

Schon der Homo erectus soll über eine komplexe Sprache verfügt haben
Der Homo erectus hat das Ford T Modell der Sprache entwickelt, sagt Professor Daniel Everett. Doch dieser gewagten Theorie bläst heftiger Gegenwind ins Gesicht.
Foto: © Ramuck
Welche Menschenart hat die Sprache erfunden? Die meisten Forscher glauben, dass es der Homo sapiens war. Vor etwa 100.000 Jahren. Andere sind der Meinung, dass schon der gemeinsame Vorfahre von Neandertaler und Homo sapiens gesprochen haben muss. Demzufolge wäre die Sprache etwa 500.000 Jahre alt.
So unterschiedlich diese beiden Positionen auch scheinen mögen, eines haben sie gemeinsam. Die Sprache ist, blickt man auf 2 Millionen Jahre Entwicklungsgeschichte des Menschen zurück, erst sehr spät entstanden.
Doch es gibt einen Sprachforscher, der das ganz anders sieht. Er ist davon überzeugt, dass schon der Urmensch Homo erectus über eine komplexe Sprache verfügte. Und das bereits vor 1,8 Millionen Jahren. Keine Sprache, wie wir sie heute sprechen, aber eine Sprache, die ihren Zweck erfüllte.

Das war bereits ein voll entwickelte Sprache

Professor Daniel Everett lehrt an der amerikanischen Bentley Universität in Waltham und hat sieben Jahre lang bei indigenen Völkern im brasilianischen Regenwald gelebt. Durch die Erforschung ihrer Kultur und vor allem ihrer Sprache ist er international bekannt geworden. Everett vertritt offensiv den Standpunkt, dass bereits der Urmensch Homo erectus über eine komplexe Sprache verfügte.
"Der Homo erectus hat gesprochen und das Ford T Modell der Sprache erfunden", erklärte Everett beim Jahrestreffen der American Association for the Advancement of Science (AAAS) in Austin. "Wir sprechen heute eine Tesla-Form, aber das Modell T der Sprache war keine Proto-Sprache, es war bereits eine voll entwickelte Sprache."

Keine Seefahrt ohne komplexe Sprache

"Alle reden über den Homo erectus als eine dumme affen-ähnliche Kreatur, aber er war die klügste Kreatur, die jemals auf der Erde herumgelaufen ist", glaubt Everett. "Diese Menschen besaßen die Fähigkeit zu planen und waren in der Lage, ihr Wissen über die Herstellung von Steinwerkzeugen weiterzugeben. Und so etwas funktioniert nur mit Sprache."
Sein Hauptargument lautet allerdings: Der Homo erectus baute Boote und überquerte damit die Meere. Nur so sei es zu erklären, dass der Urmensch abgelegene Inseln wie Kreta und Flores erreicht hat, zu denen es nie eine Landverbindung gab. Und Hochseeschifffahrt ohne Sprache - einfach undenkbar.
Professor Everett: "Diese Menschen konnten sich nicht einfach auf einen Baumstamm setzen und darauf hoffen, dass die Strömung sie zu einer Insel bringt. Sie mussten paddeln. Und wenn sie paddelten, dann mussten sie in der Lage sein zu sagen 'Paddel hier hin' oder 'Hör auf zu paddeln'. Der Homo sapiens und der Neandertaler haben die Sprache nicht erfunden. Sie sind in eine Welt voller Sprache hineingeboren worden."

Eine Theorie, die auf Kritik stößt

Eine kühne These. Und natürlich sind nicht alle Experten mit dieser Theorie einverstanden. So äußerte sich der bekannte Paläoanthropologe Chris Stringer im britischen Independent ziemlich kritisch.
"Ich akzeptiere das nicht", wird Stringer zitiert. "Zum Beispiel die Behauptung, dass der Homo erectus Boote benutzt haben muss, um zur Insel Flores zu gelangen. Er könnte auf Flößen aus natürlicher Vegetation und durch einen Tsunami dorthin gelangt sein."
Stringer weiter: "Ich kann mir vielleicht vorstellen, dass der Homo heidelbergensis (lebte vor 500.000 bis 300.000 Jahren) gesprochen hat. Das Leben dieser Menschen war bereits so komplex, dass es Sprache erforderte. Aber der Homo erectus? Wohl eher nicht."

Anatomische Beweislage

Völlig aus der Welt sind Everetts Ideen allerdings nicht. So hat ein US-amerikanisch-georgisches Forscherteam (Meyer, Lordkipanidze, Vekuanach) bereits im Jahr 2006 festgestellt, dass fünf Nacken- und Brustwirbel, die man im georgischen Dmanisi ausgegraben hat und die 1,8 Mio Jahre alt sind, eine zum Sprechen erforderliche Atemmuskulatur unterstützt hätten.
Andere Forscher haben herausgefunden, dass die Aufwölbung des Gaumens, die für Sprache erforderlich ist, schon beim Homo erectus vorhanden war. Außerdem soll die Absenkung des Kehlkopfes, ohne die Sprache ebenfalls nicht möglich ist, ein sehr frühes evolutionäres Merkmal gewesen sein (Fitch, 2001).

Sprache erst vor 50.000 Jahren

Eine absolute Gegenposition vertreten Forscher wie Robert McCarthy von der Florida Atlantic Universität, die glauben, dass sich die Sprache erst ganz spät entwickelt hat - vor ungefähr 50.000 Jahren. Erst ab diesem Zeitpunkt soll der Vokaltrakt des Menschen so beschaffen gewesen sein, dass er sprechen konnte. Sollte das stimmen, dann waren sogar die frühen Vertreter von Homo sapiens noch primitive Urmenschen, die allenfalls Grunzlaute von sich geben konnten.
Unter dem Strich muss man wohl sagen: Wir haben zurzeit keine Ahnung, wann die Sprache entstanden ist. Es gibt zwei Positionen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Hier der Urmensch Homo erectus, der Neandertaler und Homo sapiens das Sprechen beigebracht hat, dort der grunzende Halbaffe, der allenfalls "Ugga-Ugga" sagen konnte.
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