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Die Neandertaler hatten so große Gehirne, weil sie länger wuchsen

Die Neandertaler hatten so große Gehirne, weil sie länger wuchsen
Diese Fossilien stammen von einem Neandertaler-Kind, das vor 49.000 Jahre in Spanien lebte. Wuchs sein Gehirn länger als das eines Homo sapiens?
Foto: © Grupo de Paleoantropología MNCN-CSIC
Die Neandertaler hatten größere Schädel und wahrscheinlich auch größere Gehirne als der moderne Mensch Homo sapiens. Ihre Denkapparate waren im Schnitt 100 ccm größer. Und bislang dachte man, dass sie diese großen Gehirne besaßen, weil Neandertaler-Kinder schneller wuchsen als Homo-sapiens-Kinder. Doch das sensationell gut erhaltene Fossil eines knapp achtjährigen Neandertaler-Jungen aus Nordspanien erzählt eine andere Geschichte.

Erstaunlich gut erhaltenes Skelett

In der nordspanischen Höhle El Sidron haben Paläoanthropologen zusammen mit den Fossilien von sieben Erwachsenen und fünf Jugendlichen auch die Überreste eines 7,7 Jahre alten Neandertaler-Kindes ausgegraben. Und die Datierung der Fundschicht hat ergeben, dass diese Menschen vor 49.000 Jahren gelebt haben.
Eine Forschergruppe des National Museums für Naturgeschichte in Madrid hat sich die erstaunlich gut erhaltenen Fossilien des Neandertaler-Kindes (36 Prozent der linken Skeletthälfte, Schädelteile, Milchzähne, bleibende Zähne) inzwischen genauer angeschaut und die Fossilien mit frühen modernen Menschen und heutigen Menschen verglichen.

Das Gehirn wuchs noch

Alles in allem, so die Forscher, unterschied sich der Neandertaler-Junge nicht signifikant von Menschenkindern seines Alters. Seine Statur war "robust", er wog 26 Kilogramm und war 1,11 Meter groß. Doch die Größe des Gehirns unterschied sich deutlich von der eines gleichaltrigen Homo sapiens.
"Sein Gehirn wuchs noch, als dieser Junge starb", schreiben die Forscher in ihrer Studie. "Es hatte erst 87,5 Prozent seiner endgültigen Größe erreicht."
Das Gehirn eines Homo sapiens ist in diesem Alter nahezu ausgewachsen. Es wiegt bereits 95 Prozent dessen, was es im Erwachsenenalter auf die Waage bringt.
Die spanischen Paläoanthropologen schließen daraus, dass die Gehirne der Neandertaler länger wuchsen als beim Homo sapiens, was letztendlich das größere Hirnvolumen im Erwachsenenalter erklären würde. Die Gehirne der Neandertaler wuchsen nicht schneller, wie bislang angenommen, sondern länger.

Kritik von anderen Forschern

Nicht alle Paläoanthropologen sind mit der Interpretation der Fossilien einverstanden. So gab Milton Wolpoff von der Universität Wisconsin in einem Kommentar zu bedenken, dass es enorm schwierig ist, das Alter eines Menschen anhand seiner fossilen Knochen zu bestimmen. Solche Altersangaben sind bestenfalls Schätzungen, so Wolpoff. Dass die spanischen Forscher das Alter des Neandertaler-Jungen bis auf die zweite Kommastelle genau bestimmt haben wollen (7,69 Jahre), hält er für ziemlich optimistisch.
Außerdem wies Wolpoff darauf hin, dass das Gehirnvolumen der bislang entdeckten Neandertaler-Fossilien zwischen 1200 ccm und 1700 ccm schwankt. Daraus eine Durchschnittsgröße für das Erwachsenenalter abzuleiten, sei ebenfalls schwierig. Für eine solide Schätzung gebe es einfach zu wenige Schädelfossilien.

Hinweise auf Kannibalismus

Woran der Neandertaler-Junge vor 49.000 Jahren starb, konnten die Forscher nicht herausfinden. Es gab keine Anzeichen für eine Erkrankung. Allerdings fanden sie auf einigen Knochen Schnittspuren und Kerben, die auf Werkzeuggebrauch hindeuten. Der Junge könnte das Opfer von Kannibalen geworden sein.
Der Neandertaler-Junge und seine Sippe (7 Erwachsene, 5 Jugendliche) wurden möglicherweise in ihrer Höhle überfallen, getötet und gegessen. Aber das ist zurzeit reine Spekulation. Es könnte sich beim Fundort auch um eine Begräbnisstätte gehandelt haben. Hier muss man abwarten, was weitere Forschungen ergeben.
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