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Neue Studie rüttelt an der alten Theorie vom Geburtsdilemma

Neue Studie rüttelt an der alten Theorie vom Geburtsdilemma
Zwei weibliche Becken im Vergleich. Größe und Form des Geburtskanals sind je nach Region sehr unterschiedlich. Es gibt große Unterschiede zwischen Asien, Europa und Afrika.
Foto: © Lia Betti
Der aufrechte Gang und zwei Millionen Jahre Evolution haben den Geburtskanal menschlicher Frauen immer enger werden lassen. Und weil gleichzeitig das Schädelvolumen der Babys ständig größer wurde, ist eine Geburt heute eine komplizierte Angelegenheit.
Diese Theorie bezeichnet man als Geburtsdilemma-Hypothese. Und die meisten Anthropologen halten sie für logisch und überzeugend. Schließlich haben unsere vierbeinigen Vettern, Gorilla und Schimpanse, keinerlei Probleme mit der Geburt eines Kindes.
Sollte es sich bei der Verengung des Geburtskanals tatsächlich um eine adaptive Anpassung des Menschen an den aufrechten Gang handeln, dann sollte man annehmen, dass alle Frauen auf der Welt einen ähnlich engen Geburtskanal haben. Doch zwei britische Forscherinnen konnten nun nachweisen, dass dem nicht so ist.

Unterschiedliche Becken in Afrika, Asien und Europa

Lia Betti, eine biologische Anthropologin an der Universität Roehampton in London, und die Evolutionsbiologin Andrea Manica von der Universität Cambridge haben 348 weibliche Skelette aus 24 Regionen der Erde vermessen und die Hüften und den Geburtskanal der Frauen verglichen. Dabei stellten sie fest, dass es erhebliche Unterschiede gibt.
Frauen aus der Subsahara in Afrika und einige asiatische Bevölkerungsgruppen haben sehr schmale, aber relativ tiefe (von vorne nach hinten gemessen) Geburtskanäle, so Betti und Manica. Die Ureinwohner Amerikas dagegen verfügen über sehr breite Kanäle. Außerdem sind die oberen Kanäle von Europäerinnen oval geformt, was man bei den anderen Populationen nicht findet.
Ein weiteres Ergebnis der Studie, die im Fachmagazin Proceedings of the Royal Society B veröffentlicht wurde, lautet: Je weiter man sich von Afrika entfernt, desto geringer ist die Variabilität der Geburtskanalform. Soll heißen, dass man in Afrika sehr viele sehr unterschiedliche Formen findet, während sich die Becken der Frauen in Europa, Asien und bei den amerikanischen Ureinwohnerinnen sehr ähnlich sind.

Alles nur eine Frage der Abstammung?

Die neue Studie rüttelt an der Theorie, dass die schmaleren Becken und die Verengung des Geburtskanals eine selektive Anpassung an den aufrechten Gang sind, der sich schon bei unseren archaischen Vorfahren durchgesetzt hat. Denn dann müssten sich die Becken und Geburtskanäle aller heutigen Frauen sehr ähnlich sein. Das sind sie aber nicht. Es gibt je nach Region große Unterschiede.
Lia Betti und Andrea Manica vermuten, dass die Beckenform und die Größe des Geburtskanals mehr oder weniger Zufall sind und nichts mit einer selektiven Anpassung an den aufrechten Gang zu tun haben. Wahrscheinlich haben die verschiedenen Populationen auf der Erde andere afrikanische Vorfahren. Und von denen haben sie unterschiedliche Becken und Geburtskanäle vererbt bekommen.

Ältere Forschungsergebnisse

Die Ergebnisse der neuen Studie decken sich mit einer Untersuchung aus dem Jahr 2015 (Universität Wien), die zu dem Ergebnis kam, dass es große Unterschiede bei der weiblichen Beckenform und der Größe des Geburtskanals gibt. So hat man festgestellt, dass Frauen mit einem großen Kopf einen anderen Geburtskanal besitzen als Frauen mit einem kleinen Kopf. Der Geburtskanal von Frauen mit großem Kopf scheint daran angepasst zu sein, Kinder mit einem großen Kopf zur Welt zu bringen - was ja genetisch durchaus Sinn macht.
Die Theorie über das Geburtsdilemma und dass es durch die evolutionäre Anpassung an den aufrechten Gang entstanden ist, wurde bereits 1960 vom US-Anthropologen Sherwood Washburn aufgestellt. Und seither hat niemand ernsthaft an dieser Hypothese gerüttelt. Doch das scheint sich gerade zu ändern.
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EVOLUTION & MEINUNG

Die Beschaffenheit des fossilen Beweismaterials ist die gewichtigste Einrede, die man meiner Theorie entgegenhalten kann.
Charles Darwin

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